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40 Jahre Storchentante.

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Inventarnummer: b1169
Buchzusatz: Aus dem Tagebuch einer Hebamme
Autor: Lisbeth Burger
Verlag: Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn
Ort: Breslau
Jahr: 1930
Seiten: 266
Kategorie 1: Abbruch
Maß [H x B]: 11x18,5 cm


Leseproben

Seite 135f. , Absatz 5, Zeile 31-
„Ein paar Monate später lag in einer Dachkammer in der Landeshauptstadt ein junges Mädchen in den Wehen. Mutterseelenallein. Sie hatte es einfach darauf ankommen lassen. Was ihr nur immer eine gute Freundin zutrug an sicher helfenden Mitteln, wurde getreu genommen. Schmierseife gegessen und Petroleum getrunken – und was dergleichen unvernünftige Ratschläge sind. Aber es half nichts. Allen Wünschen zum Trotz blieb das Kind im Mutterschoß, und der Tag der Geburt kam näher und näher. Sie ging nicht in die Hebammenschule, obwohl die Entbindung dort gar nichts kostete. Sie beschaffte keine Windel und kein Hemdlein für das Kind. Sie schrieb auch nicht heim. Verstand es so gut ihren Zustand zu verbergen, dass die Hausfrau einen flüchtig aufsteigenden Verdacht wieder fallen ließ. Mutterseelenallein kam mitten in der Nacht das Kind auf die Welt. Klara weckte keines der anderen Mädchen, die neben ihr in den Dachkammern schliefen. Erst ließ sie das Kind unter der Decke liegen, bekümmerte sich nicht darum. Doch als sie nach zwei Stunden merkte, daß es noch lebt, verpackte sie es in eine Schuhschachtel, stopfte ihm Watte in das Mündchen, stellte es in den Schrank. „Sie hätte ihm nichts zu leid tun können“, erklärte sie vor Gericht.“


Seite 74f. , Absatz 5, Zeile 32-
„Sie war eine tapfere Frau, die Bahnhofswärterin. Eine der tapfersten im Ort. Ich hab ja schon drei Kindlein auf die Welt geholfen. Als aber bei dem vierten eine junge verheiratete Schwester von ihr ahnungslos ins Haus kam und ganz entsetzt ausrief: „Schon wieder!“, da brach sie denn doch in bittere Tränen aus. Schon seit Monaten machten ihr die Verwandten des Mannes Vorwürfe, dass sie schon wieder so sei, den Mann mit so vielen Kindern belaste!“


Seite 75f. , Absatz 5, Zeile 35-
„Lisbeth, wir leben nicht schlechter als andere. Wir enthalten uns immer wieder eine Zeit, um die Kraft darin zu üben und zu vermehren. Nach dem ersten Kind waren es drei Monate; dann schon sechs. Das letzte Mal fast ein Jahr. Aber wenn ich merke, dass mein Mann Tag und Nacht keine Ruhe mehr hat, daß es fast über seine Kraft geht – dass Gefahr besteht, er könnte der Versuchung unterliegen und die Ehe entzweien (Männern ist das ja so leicht gemacht!), dann muß ich doch sein Weib sein. (...) Es ist halt ein Verhängnis bei uns, dass immer gleich ein Kindlein kommt.“


Seite 76 , Absatz 5, Zeile 28-39
„Anders werden Naturgesetze nie. Man kann es verstehen, daß willensschwache Menschen, die es nie gelernt haben, sich zu beherrschen, oder die es einfach nicht tun wollen, zu solchen Mitteln greifen ... Aber das Richtige ist es nie. Und ganz besonders ist es geradezu ein Verbrechen, die Menschen dazu veranlassen zu wollen. Da werden doch die intimsten Beziehungen zwischen Mann und Frau so sehr ins Licht gezerrt, daß sie alle Weihe verlieren. Was Freude miteinander sein soll. wird zum Ekel aneinander. Was gegen die Natur getan wird, rächt sich immer. Es ist im tiefsten Grunde eine Verarmung, eine Beraubung, ein Schaden für den Menschen ...“


Seite 223 , Absatz 8, Zeile 25-38
„Wie mein Mann aus dem Feld kam, ist er eben auch so gescheit gewesen wie die anderen und hat gewußt, was man zu tun hat. Und dann haben wir unserer Tochter auch Bescheid gesagt...“ „Und ich habe immer danach gehandelt. Es ist also ganz ausgeschlossen...“ fügte das Mädchen noch bei. „Man muß doch sein Kind beschützen, daß es nicht in die Schande kommt. So dumm wie wir in die Welt gelaufen sind, soll meine Tochter nicht sein. Sie soll einmal nicht hereinfallen und mir hintennach Vorwürfe machen...“. Mir stand doch beinahe das Herz still. Wenn Eltern ihren Kindern im Jugendalter Verhütungsmittel in die Hand drücken, „daß ihnen nichts passiert,“ was kann man von der Jungend dann noch erwarten...


Seite 224 , Absatz 3, Zeile 14-29
„Daß all’ die Mittel nicht unbedingt zuverlässig sind, haben Sie wohl nie sagen hören? Daß trotzdem eine Empfängnis stattfinden kann? Nun werde Sie sich wohl oder übel davon überzeugen müssen...“ „Das ist ausgeschlossen! Die Schande kommt mir nicht ins Haus...“ „Schande? Was ist hier Schande? Daß Ihre Tochter mit dem Russen so gelebt hat wie eine Dirne – daß Sie und Ihr Mann ein solches Treiben in Ihrem Haus dulden und veranlassen und fördern in jeder Art – daß Sie selbst Ihrer Tochter die Mittel geben, damit sie sich der Unzucht recht ungehemmt hingeben kann: das ist allerdings Schande in Masse für alle Beteiligten. Und daß nun ein Kind kommt, das ist nur die Folge Ihrer Handlungsweise. Nicht das Kind und seine Geburt ist die Schande, sondern die vorausgegangene Lebensführung“


Seite 194f. , Absatz 8, Zeile 37-
„Ja sehen Sie, meine Braut ist in anderen Umständen. Das ist natürlich eine sehr fatale Sache, wenn man im Hotel wohnen muß ...“ Wir eröffnen hier in unserem Krankenhaus eine Abteilung für Entbindungen. Weil es heute manchmal vorkommt, daß das nicht zuhause gemacht werden kann. Wenn sie sich da vormerken lassen wollen ...“ „Ach nein, Sie verkennen die Situation. Wir können uns nicht binden. Es ist doch eine furchtbare Behinderung ... wir müssen frei sein, bis wir in die Heimat kommen ...“ „So wollen Sie wohl eine Pflegestelle für das Kind?“ Mir ging ja ein Licht auf, wo es hinaus sollte! „Nein, das Kind darf nicht geboren werden. Wir können es jetzt nicht brauchen. Das müssen Sie doch einsehen. In unseren Verhältnissen ...“ „Das hätten Sie sich mit ihrer Braut eben früher überlegen müssen. Da kann man nicht machen, wenn das Leben einmal da ist ...“ „Freilich kann man da etwas machen. Sie als Hebamme wissen das ganz gut, wie man eine Fehlgeburt einleitet. Wir zahlen gut. Es kommt mir auf dreihundert Mark nicht an ...“ „So, einen Mörder wollen Sie dingen für ein unschuldiges, wehrloses Kind, Da sind Sie aber an die falsche Adresse geraten, sie Lump! Machen Sie, daß Sie zu meinem Haus hinauskommen!“ (...) Ein paar Tage später wird eine Korrespondentin aus der Zementfabrik – das Fräulein Braut – in unser Krankenhaus eingeliefert mit einer Fehlgeburt, verbunden mit einer schweren inneren Verletzung. Und stirbt daran. Ein junges Mädchen von noch nicht zwanzig Jahren ...“