NL 2010/06

Ungewollte Kinder waren eine einträgliche Erwerbsquelle -
‚Baby Farming’ und ‚Engelmacherinnen’ bewahrten Frauen vor der sozialen Ausgrenzung





Eine unverheiratete Mutter und ihr Kind galten als Beleidigung der Moral – nicht nur im viktorianischen England sondern in ganz Europa, Amerika und Australien, und das bis vor noch nicht allzu langer Zeit. Entsprechend wurden sie geächtet, sozial ausgegrenzt, behindert oder am besten gleich vertrieben. Die Frauen verloren nicht nur ihren guten Ruf sondern auch ihre Arbeitsstelle und wurden häufig sogar von ihren Familien verstoßen; im Gegensatz dazu hatten die Väter keine Verpflichtung, für ihre unehelichen Kinder zu sorgen. Taugliche Verhütungsmittel gab es auch noch nicht.

Wenn die eigene Familie sie im Stich ließ, hatten die betroffenen Frauen kaum eine andere Wahl als ihr Kind wegzugeben. Waisenhäuser waren in den meisten Fällen nicht bereit, uneheliche Kinder aufzunehmen, sondern machten eine ‚ehrbare’ Geburt zur Bedingung. Da blieb nur noch die Möglichkeit, das Neugeborene zur Adoption freizugeben oder irgendwo als Pflegekind unterzubringen.

Kinder in Pflege zu nehmen wurde zu einem eigenen Geschäftsfeld, mit dem Frauen vom Land oder solche aus einfachen Verhältnissen die finanzielle Situation ihrer Familie verbessern konnten. Tatsächlich stellte es für viele Frauen einen der wenigen Erwerbszweige dar, die sie selbständig ausüben konnten.

 

Auch den Kindern ging es schlecht

Unverheiratete Mütter waren in ihrer Zwangslage eine ideale Geldquelle für Betrüger und Verbrecher: Für die Vermittlung einer Adoption oder einer Pflegestelle sowie für die laufende Unterbringung ihres Kindes kratzten die Frauen jeden Groschen zusammen. Nur wenig davon kam tatsächlich der Ernährung und Gesundheit ihres Babys zugute. Die Weltliteratur ist voll von Beschreibungen der schrecklichen Lebensumstände vieler Pflegekinder. Beispielsweise in Charles Dickens’ Buch ‚Oliver Twist’ aus dem Jahre 1867: „Siebeneinhalb Pennys pro Woche erlauben eine gute Ernährung für ein Kind; um siebeneinhalb Pennys bekommt man eine ganze Menge: sogar so viel, dass sein Magen überlastet ist und es sich unwohl fühlt. Aber die Alte war weise und erfahren; sie wusste, was gut für Kinder ist; und sie hatte auch eine genaue Vorstellung davon, was für sie selbst gut war. Daher vereinnahmte sie den größeren Teil des Wochengeldes für ihren eigenen Verbrauch und bestimmte für die heranwachsende Generation der Gemeinde noch weniger Geld als ohnehin für sie bezahlt wurde....“

Uneheliche Kinder wurden in den meisten Fällen nicht alt. Das löste ein Problem: Durch ihren Tod war das sichtbare Zeugnis der mütterlichen ‚Verfehlung’ ausgelöscht und zusätzlich fiel die weitere finanzielle Belastung weg. Ödön von Horvath zeichnet das in seinen ‚Geschichten aus dem Wienerwald’ deutlich nach (1931): „Wertes Fräulein! Jawohl, Fräulein! Leider müssen wir Ihnen eine für Sie recht traurige Mitteilung machen. Gott der Allmächtige hat es mit seinem unerforschten Willen so gewollt, dass Sie wertes Fräulein kein Kind mehr haben sollen. Das Kind hat sich nur etwas erkältet, und dann ist es sehr schnell dahingegangen, Punkt. Aber trösten Sie sich, Gott der Allmächtige liebt die unschuldigen Kinder.“

Doch gab es auch Fälle, in denen der Mutter weiß gemacht wurde, ihr Kind sei höchst lebendig und wohlauf. Das Gegenteil war der Fall:

„Noch nie hat ein Kind lebend das Haus der Couillard verlassen. Das ist ihre Spezialität. Wenn man eine Zuführerin, die Couteau zum Beispiel, der Couillard ein Kind bringen sieht, so weiß man sofort, was das zu bedeuten hat. Die Couteau hat dann sicherlich den Tod des Kindes vereinbart. Das geschieht auf eine sehr einfache Weise. Die Eltern bezahlen eine Summe von zwei- oder dreitausend Frank, wogegen das Kind bis zur ersten Kommunion behalten werden soll; selbstverständlich stirbt es dann innerhalb acht Tagen. Man braucht nur ein Fenster offen zu lassen; mein Vater hat eine Pflegerin gekannt, die im Winter, als sie gerade sechs Säuglinge hatte, die Tür angelweit öffnete, und dann einfach fortging.“ (Aus: Emile Zola, Fruchtbarkeit, 1899)

Die Aufnahme eines ‚Pflegekindes’ oder ‚Kostkindes’ - was auf Deutsch so neutral-fürsorglich klingt, wurde auf Englisch ‚Baby Farming’ genannt. Hier schimmert die Behandlung des Kindes als Sache durch; der Fokus auf den Gelderwerb ist zu erkennen. Tatsächlich waren die Lebensbedingungen der Kinder oft skandalös, sodass sich schließlich der englische Staat zum Eingreifen veranlasst sah und das Pflegekind-Wesen neu ordnete und überwachte sowie die Verantwortung für das Kind auf beide Elternteile ausweitete.

 

Der schnelle Tod bringt mehr Geld

Ausschlaggebend waren spektakuläre Vorfälle, bei denen angeblich ehrenwerte Frauen und Paare Kinder zur Adoption oder Pflege angenommen und unmittelbar ermordet hatten. So hatte etwa die häusliche, freundliche, mütterliche Amelia Dyer (*1829) dreißig Jahre lang ungewollte Kinder übernommen und auf verschiedene Weise zum Tod befördert. Sie schulte sogar ihre eigene Tochter in diese Form des Broterwerbs ein. Aufgeflogen war sie schließlich durch ihre Nachlässigkeit - als Bündel mit ermordeten Babys an das Flussufer getrieben wurden, konnte sie anhand von Indizien ausgeforscht und vor Gericht gestellt werden. Am 10. Juni 1896 wurde sie gehängt.

Ähnlich ging das Duo Amelie Sach (*1873) und Annie Walters (*1869) vor. Die beiden hatten Babys zur Adoption übernommen und vergiftet. Überführt wurden sie durch die große Menge an Babykleidung, die ihrem Vermieter – einem Polizeioffizier! – verdächtig vorgekommen war. Am 3. Februar 1903 wurden sie wegen vielfachen Mordes an Kleinkindern gehängt. Eine weitere exekutierte englische Babymörderin war Margaret Waters, die 1870 hingerichtet wurde. In Neuseeland wurde Minnie (Williamina) Dean (*1844) wegen desselben Deliktes im Jahre 1895 hingerichtet. Ihr ist sogar eine eigene Ballade gewidmet.

 

Literatur:

Amelia Dyer: Angel Maker. The Woman who Murdered Babies for Money. London, 2007

Angela Buckley: Farmed Out, BBC-Printmagazin ‚Who Do You Think You Are?’, Feb. 2010, 71-74

Dorothy L. Haller, Bastardy and Baby Farming in Victorian England, The Student Historical Journal 1989-1990 (http://www.loyno.edu/~history/journal/1989-0/haller.htm)

 

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien, Mittwoch bis Sonntag 14 bis 18 Uhr