NL 2010/08

‚Tagezählen’ zur Familienplanung: Nichts für stürmisch Verliebte, aber hilfreich für ungewollt kinderlose Paare.

Vor 40 Jahren starb der österreichische Gynäkologe Hermann Knaus





Da leidenschaftliche Liebe bekanntlich die menschliche Denkleistung hemmt, war in den 1950er und 1960er-Jahren die Zahl der spöttisch ‚Knaus-Kinder’ genannten, ungeplanten Schwangerschaften groß. Denn nur rund vierzehn Tage pro Monat ist frau sicher vor einer Befruchtung; die andere Zeit muss sie bei dieser Verhütungsmethode enthaltsam leben. Ähnlich wie beispielsweise beim Kondom liegt die Unsicherheit also nicht in der technischen Methode sondern im Verhalten der menschlichen Anwender.

 

Knaus stellte seine Beobachtungen über die sicheren und unsicheren Tage im Jahr 1929 vor, fast zeitgleich mit dem japanischen Gynäkologen Kyusaku Ogino, der unabhängig von ihm zu ähnlichen Ergebnissen gekommen war. Daher wird die Methode heute Knaus-Ogino-Methode genannt. Wesentliche Voraussetzung für ihre erfolgreiche Anwendung sind der Regelkalender, der vor Beginn mindestens ein Jahr lang geführt werden muss, sowie ein stabiler Zyklus ohne wesentliche Schwankungen. 1966 wehrte sich Knaus in einem Interview gegen den Vorwurf, seine Methode habe eine ‚Mechanisierung der Gefühle’ zur Folge: „Im Gegenteil“, meinte Professor Dr. Knaus dazu, „eine periodische und kontrollierte Abstinenz steigert die ehelichen Freuden und erhöht das gegenseitige Verlangen.“

 

Knaus’ Methode ist eine natürliche Geburtenregelung durch Zeitwahl – und daher in beide Richtungen einsetzbar. Er verstand darunter die „bewusste Ausnützung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage des menstruellen Zyklus (zum Zweck der Zeugung der Nachkommenschaft oder der Vermeidung des Eintritts einer unerwünschten Schwangerschaft) ohne Anwendung irgendwelcher künstlicher antikonzeptioneller Mittel“.

 

„Ich möchte ein Kind, Herr Professor Knaus!“

Daher kamen auch viele verzweifelte Patientinnen zu ihm, die nach mehrjähriger Ehe noch nicht schwanger geworden waren. Auch von ihnen verlangte er genaue Aufzeichnungen des Zyklus und verordnete ihnen Liebe an den ‚richtigen’ Tagen. Viele dankbare Paare verbreiteten seinen Ruf und machten ihn zu einem prominenten Arzt.

 

Dem nächsten Schritt, nämlich die Behandlung der so genannten ehelichen Sterilität durch künstliche Befruchtung, stand Knaus sehr skeptisch gegenüber. Dennoch beruhten die Erfolge dieser neu aufkommenden Disziplin zu einem guten Teil auf der Nutzung von Knaus’ Berechnungen des ‚Konzeptionsoptimums’, also der Tage, an denen die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung am höchsten ist: „Da nach meinen schon im Jahre 1929 begründeten Untersuchungen auch die normal fruchtbare Frau nur an wenigen Tagen des monatlichen Zyklus empfangen kann, hat die Wahl des Zeitpunktes für den Erfolg der künstlichen Übertragung entscheidende Bedeutung gewonnen. Nur wenn diese unmittelbar vor oder am Tage des Eibläschensprunges vorgenommen wird, kann ein Erfolg erwartet werden.“ (Revue 29, Juli 1955?)

 

Hermann Knaus war ein überzeugter Katholik, für den die Anerkennung seiner Methode durch Papst Pius XII am 29. Oktober 1951 die größte Auszeichnung darstellte. Die Knaus-Ogino-Methode ist nach wie vor die einzige von der katholischen Kirche tolerierte Methode zur Empfängnisverhütung.

 

Ein Votum gegen die Pille

Entsprechend seiner religiösen und moralischen Weltanschauung lehnte Knaus die Pille ab, die in den 1960er-Jahren eingeführt wurde: „Ich wünsche mir, dass sie nur in ethisch einwandfreien Fällen reifen Frauen verordnet wird. Die Pille ist nämlich zur Mode geworden.“

 

Aus medizinischer Sicht sagte er in Hinblick auf die damals noch sehr hohen Hormonmengen weiter: „Die Pille nehmen schon Vierzehnjährige. Da kommen mir Bedenken.“ (Kärntner Zeitung vom 28. September 1968)

 

Sein ehemaliger Schüler Heinz Braitenberg-Zenoberg schrieb in seinem Nachruf auf Knaus: „In den letzten Jahren, wo die ‚Pille’ immer mehr von den Gynäkologen verordnet, aber auch in vielen seriösen und noch mehr unseriösen Zeitungen und Zeitschriften besprochen und angepriesen wurde, war Knaus einer der ersten, der gegen die Pille Stellung nahm. Knaus .... wurde vom jetzigen Papst zu einer Expertise aufgefordert und es ist kein Zweifel, dass er maßgeblich an der Ablehnung der Pille (durch die Kirche, Anm. d. A.) beteiligt war.“

 

Knaus starb am 20. August 1970 in Graz und ist in seiner Heimatstadt St. Veit an der Glan bestattet.

 

 

Mehr Informationen über Hermann Knaus’ Leben und Werk aus unserem umfangreichen wissenschaftlichen Knaus-Archiv finden Sie online unter http://de.muvs.org/topic/hermann-knaus-1892-1970 oder downloaden Sie die Broschüre ‚Hermann Knaus (1892-1970): Detektiv der fruchtbaren Tage’ http://de.muvs.org/museum/presse/presse-museum/

 

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (MUVS), Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien, Mittwoch bis Sonntag 14 bis 18 Uhr oder täglich ganztägig unter www.muvs.org