NL 2010/9

William Harrisons ‚Ritt auf dem Tiger’ ist zu Ende.
Der wortgewaltige Abtreibungsarzt aus Arkansas starb mit 75 Jahren.





Demonstrationen religiöser Fanatiker vor seiner Klinik in der 60.000-Einwohnerstadt Fayetteville (Arkansas) betrachtete William Floyd Nathaniel Harrison als willkommene Gratiswerbung, denn sie wiesen den Frauen den Weg, sodass sie auf der Suche nicht verzweifelt herumirren mussten.

 

Auch sonst war der amerikanische Gynäkologe ein unkonventioneller und ‚poppiger’ Kämpfer für das Recht der Frauen auf einen Schwangerschaftsabbruch. Dazu sagte er: “Ich habe mich  entschlossen, diesen Tiger zu reiten - aber nicht stumm. Sondern ich gebe ihm verbal die Sporen, schwinge meinen Hut und schreie wie ein Cowboy."

 

Für die Medizin hatte er sich ursprünglich entschieden, weil er damit seine spätere Frau beeindrucken wollte. Für die Gynäkologie begeisterte er sich durch die Geburt seiner eigenen Kinder. Abbrüche führte er seit 1974 durch, ein Jahr nachdem sie legalisiert worden waren. Sein ‚Hauptgeschäft’ bestand zu dieser Zeit allerdings in Geburten. Doch 1984 war er der einzige Arzt in dieser Gegend, der Abbrüche vornahm; die älteren Kollegen waren in Pension gegangen und die jüngeren schreckten aufgrund von Angriffen und Morddrohungen davor zurück. Nach rund 6.000 Geburten begann er, ausschließlich Abbrüche durchzuführen. Innerhalb von dreißig Jahren wurden es ca. 20.000 derartige Eingriffe, denn viele Jahre war er im weiten Umkreis der einzige Arzt, der Abbrüche vornahm. Aus diesem Grund wurde die Fayetteville Women’s Clinic vor allem in den 1980er-Jahren zur Zielscheibe von Brandanschlägen, Mahnwachen, Blockaden und  Verwüstungen. Todesdrohungen waren an der Tagesordnung.

 

Seine Entscheidung nährte sich aus den Berichten seiner Patientinnen, die entweder schreckliche Erfahrungen bei illegalen Abtreibern gemacht oder in ihrer Verzweiflung an sich selbst verstümmelnde Eingriffe durchgeführt hatten. Eine Frau hatte zur Beendigung ihrer ungewollten Schwangerschaft so ätzende Chemikalien verwendet, dass sie bei der Einlieferung in Harrisons Klinik keine Vagina mehr hatte.

 

Eine andere Patientin brach in Tränen aus, als sie von ihrer (neuerlichen) Schwangerschaft erfuhr, und sagte zu ihm: „Ich hatte so gehofft, dass mein geschwollener Bauch von einem Krebsgeschwür kommt.“

 

Harrison versteckte sich nicht, sondern sprach bei öffentlichen Veranstaltungen, schrieb Artikel und gab Interviews. Auf den Vorwurf, ein Mörder zu sein, antwortete er mit Überzeugung: Er zerstöre zwar Leben, aber es handelt sich um Embryonen , die von einem menschlichen Wesen mit einem Gehirn noch weit entfernt sind. In der Abwägung moralischer Werte war es ihm wichtiger, die Zukunft oft benachteiligter Frau zu retten. Indem er einen Fötus opferte, verhalf er der Frau zu einer Wiedergeburt, denn vor allem junge Frauen, deren Leben durch eine ungewollte Schwangerschaft zerstört wären, gewinnen die Selbstbestimmung zurück.

 

Im Mai 2010 erhielt Harrison die Diagnose Leukämie. Im Juli schloss er daraufhin seine Klinik. Am 24. September ist er im 75. Lebensjahr gestorben.

 

 

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien. Mittwoch bis Sonntag 14 bis 18 h oder rund um die Ihr unter www.muvs.org