NL 2004/06

‚Die Fruchtabtreibung durch Gifte und andere Mittel‘ von Louis Lewin (1850 –1929), ‚Frauenschutz-Apparate’, alias ‚Scheiden-Pulverbläser‘, F.E. Bilz (1900), Dalkon Shield





Liebe FreundInnen des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch,





ein interessantes Buch in unserer Sammlung ist ‚Die Fruchtabtreibung durch Gifte und andere Mittel‘ von Louis Lewin (1850 –1929). Lewin gilt als Begründer der modernen Rausch- und Gewebegiftforschung. Als Wissenschafter fühlte er sich auch sozialen Fragen verantwortlich. Entsprechend dem Untertitel ‚Ein Handbuch für Ärzte, Juristen, Politiker und Nationalökonomen‘ listet dieses Standardwerk geeignete und ungeeignete Methoden und Substanzen für den Abbruch auf – z.B. Anilin, Bleiverbindungen, Chloroform, Dinitrokresol, Guano, Kaliumpermanganat, Karbolsäure, Kreide, Pyrogallussäure, Quecksilber, Schimmelpilze, Schwefelkohlenstoff, Zyankali, elektrischer Strom, Luftembolie, Peritonitis, Pockengift, Reizung der Brüste durch Schröpfköpfe, Röntgenstrahlen, Schnüren...

Es befaßt sich aber auch mit philosophischen, ökonomischen, sozialen und ethischen Aspekten.



So nimmt Lewin in sehr moderner Weise zur Frage Stellung, ob die ärztliche Schweigepflicht den verbotenen Eingriff zu decken habe: „... absolute Beweise, die zu einem Eingreifen des Richters führen könnten, sind sehr selten zu geben, und selbst wenn sie sich darböten, nicht zu verwerten, da die Verpflichtung, das Berufsgeheimnis zu wahren, auch in solchen Fällen meiner Überzeugung nach besteht.“



Lewin haben wir Schätzungen über die Häufigkeit von Abbrüchen zu verdanken: „Die zivilisierten Länder unterscheiden sich in dieser Beziehung wohl wenig voneinander. Keines kann sich tugendhafter als das andere nennen.“ Er machte sich aber auch die Mühe Kriminalstatistiken auszuwerten. Für Österreich waren das zwischen 1880 und 1913 bei stark steigender Tendenz nicht weniger als 2790 Angeklagte, wobei Lewin einschränkt: „... die angegebenen Zahlen ... zeigen indirekt nur die größere oder geringere Geschicklichkeit, mit der die Fruchtabtreibung in einzelnen Ländern verheimlicht wird.“


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Dank eifriger Sammeltätigkeit verfügen wir bereits über einige ‚Frauenschutz-Apparate’, auch ‚Scheiden-Pulverbläser‘ genannt. Diese weitverbreiteten Hilfsmittel zur Schwangerschaftsverhütung bestanden im allgemeinen aus einem Ballonteil mit der Pulverfüllkammer und einem Kolbenteil mit einem Markierungsring. Der Kolbenteil wurde in die Scheide eingeführt, dann 1-2 mal stark auf den Ballon gedrückt, „wodurch das nötige Quantum Pulver gegen den Muttermund geschleudert wird, alsdann wird der Apparat herausgenommen und beiseite gelegt.“ Das verwendete Pulver bestand aus „50 Teilen Borsäure, 2,5 Teilen Zitronensäure, 2,5 Teilen Gerbsäure, 10 Teilen Gummiarabicum, 35 Teilen Puder. Der Genuß wird bei Anwendung dieses Pulvers nicht beeinträchtigt und enthalten die Pulver auch keine schädlichen Bestandteile.“

„Die so eingestäubte Scheide gewährt 30 Minuten lang Schutz gegen Schwängerung, erfolgt die Ehepflichtleistung erst später, so ist der absoluten Sicherheit halber die Manipulation zu wiederholen.“ (zitiert aus: ‚Das neue Naturheilverfahren – Lehr- und Nachschlagebuch der naturgemäßen Heilweise und Gesundheitspflege’ von F.E. Bilz in der 73. (!) Auflage erschienen um 1900.)



Natürlich können auch wir nicht ganz ernst bleiben bei der Lektüre derartiger Schilderungen. Aber es scheint uns wichtig zu zeigen, mit welcher Phantasie und Verzweiflung jeder nur denkbare Weg beschritten wurde, um die Familiengröße in einem ökonomisch vertretbaren Rahmen zu halten.


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Immer wieder ist die Vielfalt der Spiralen erstaunlich, die im Laufe der Zeit ersonnen wurden. Traurige Berühmtheit erlangte das ‚Dalkon Shield‘, das in unserem Museum zu sehen sein wird: Seine Form erinnert an eine platte Wanze oder einen Fisch mit einem großen Auge und fünf Füßchen beiderseits. Da die Entfernung des Dalkon Shield recht viel Kraft benötigte, bestand der Rückholfaden aus einem verflochtenen Faserstrang und statt einem Monofilamentfaden wie bei allen anderen Spiralen. Dieses Detail war verantwortlich für häufige und oft dramatische Nebenwirkungen: In dem geflochtenen Faden konnten sich Bakterien einnisten. Wurde nun die Frau trotz Dalkon Shield schwanger, wanderten die Bakterien in die Gebärmutter und verursachten dort teilweise schwere Entzündungen; einige Frauen starben sogar. Das Dalkon Shield wurde 1970 in großen Mengen auf den Markt gebracht obwohl anfänglich nur wenige und unzureichende Studien vorlagen. Aufgrund der schweren Nebenwirkungen kam es rasch zu vielen Klagen, sodaß der Hersteller innerhalb kurzer Zeit Konkurs anmelden musste. Durch dieses Ereignis war das Vertrauen der amerikanischen Konsumentinnen und Ärzte in Spiralen für Jahrzehnte geschädigt. Daher wurden in den USA bis vor kurzem auch die neueren und bewährten Spiralen nur selten angewandt, sodaß vielen Frauen diese inzwischen sichere und wirksame Methode lange Zeit vorenthalten wurde.


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Trotz interessanter Neuzugänge sind wir weiterhin auf der Suche nach Objekten und Leihgaben für das künftige Museum für Schwangerschaftsverhütung und –abbruch: speziell Filme, Plakate, Broschüren, Bücher, Dokumente, Statistiken; Hilfsmittel und Gerätschaften zur Verhütung, zu Schwangerschaftstests und zur Abtreibung. Alles von einst & jetzt, von hier & anderswo.



Sie können uns aber auch durch die Übernahme von Sponserungen für Objekte unterstützen, die wir alleine nicht finanzieren können.