NL 2013/01

Schwangerschaftsabbruch in Kanada: Seit 25 Jahren im Gesundheitsgesetz statt im Strafgesetzbuch. Der Arzt Henry Morgentaler hat es nach jahrzehntelangem Kampf erreicht.





Wie oft ist man bereit, sich den Kopf anzuschlagen, bevor man eine Überzeugung aufgibt oder sie zumindest für sich behält? Nach dem wievielten Rückschlag gibt man auf und denkt sich „Okay, Ihr wollt es halt nicht anders!“? Der kanadische Arzt Henry Morgentaler (geb. 1923) ist glücklicherweise einer der Unbelehrbaren, die niemals aufgeben. Er hat erreicht, was keiner für möglich gehalten hätte: Der Schwangerschaftsabbruch wurde aus dem kanadischen Strafgesetzbuch gestrichen und unterliegt seither wie alle anderen Gesundheitsthemen dem Gesundheitsgesetz. Das war vor 25 Jahren, genau am 28. Jänner 1988.

Seit 1869 war der Abbruch in Kanada gesetzlich verboten; erst 100 Jahre später – 1969 – wurde er für bestimmte Ausnahmefälle ‚zum Schutz der Gesundheit der Frau’ zugelassen, und auch dann nur, nachdem die betreffende Frau von einem Komitee aus drei Ärzten ‚verhört’ worden war. Der Eingriff musste in einer Klinik und von einem speziell zugelassenen Arzt durchgeführt werden. Wegen all dieser Einschränkungen und des großen Ermessensspielraumes war es kein Wunder, dass nur wenige Krankenhäuser überhaupt Schwangerschaftsabbrüche vornahmen. Frauen aus katholisch dominierten Provinzen mussten oft quer durchs Land reisen, bis sie eine Klinik fanden, und bekamen in den meisten Fällen auch dann noch eine Absage. Die Alternative war die (teure) Reise in die USA oder ein illegaler und lebensgefährlicher Abbruch durch einen Laien. Ebenfalls 1969 wurde auch (erst) die Verwendung von Verhütungsmitteln zulässig.

Im selben Jahr (1969) sperrte Morgentaler seine Praxis als Allgemeinmediziner zu, in der er zwanzig Jahre lang als beliebter Hausarzt gearbeitet hatte und eröffnete eine Abbruchklinik. Er wollte sich ganz auf den Schwangerschaftsabbruch konzentrieren, nachdem er bereits seit Oktober 1967 öffentlich für das Recht jeder schwangeren Frau auf einen medizinisch sicheren Abbruch eingetreten war.

 

Willkür, Unwissenheit und Unbelehrbarkeit hielten am alten Gesetz fest

Der Kampf um die Freigabe des Schwangerschaftsabbruches gestaltete sich aus mehreren Gründen fast unmöglich: Zum einen wurde dieser Eingriff für gefährlich gehalten, weil die medizinischen Fortschritte anderer Länder nicht bis nach Kanada gedrungen waren. Erst Morgentaler kommt das Verdienst zu, die Vakuumabsaugung erlernt und geübt zu haben. Er ließ sich von ausländischen Kollegen unterweisen und erwarb das geeignete Equipment. Er publizierte seine Erfahrungen und lud Vertreter des Gesundheitsministeriums und die Ärzteschaft ein, von ihm zu lernen.

Eine zweite schier unüberwindliche Schwierigkeit war die Frage, ob Gesetze (nur) von Politikern oder (auch) von der Rechtssprechung verändert werden können. Wer ist dafür ‚zuständig’, veraltete Gesetze weiterzuentwickeln, zu korrigieren, neu zu fassen? So kam es, dass ihm Richter, Staatsanwälte und Fachkollegen zwar privat zustimmten, ihn aber dennoch anzeigten und schuldig sprachen.

Die dritte Hürde, die Morgentaler beinahe in die Knie gezwungen hätte, war die gebündelte Willkür von Polizei, Gerichten und Steuerbehörde: 15 Anzeigen gleichzeitig, quälend hinausgeschobene Verhandlungstermine, willkürliche Beschlagnahmungen von Unterlagen, Patientenkarteien, Geräten, Konten, brutale Einschüchterungen von MitarbeiterInnen und PatientInnen, ein riesiges Aufgebot der Staatsanwaltschaft an angeblichen ExpertInnen, deren fehlendes Fachwissen Schritt für Schritt mühsam bewiesen werden musste, ‚kreative’ Auslegungen von Gefängnisordnungen etc.

 

Zivilcourage verlangt einen hohen Preis

Morgentaler war nicht von Anfang an ein mutiger Mensch – im Gegenteil, er musste sich die Kraft zum Widerstand gegen Autoritäten erst erarbeiten. Zu schrecklich waren die Erinnerungen an seine Kindheit als verfolgter polnischer Jude und das Ende seiner Eltern im Konzentrationslager.

Nach zwanzig Jahren Kampf gegen ein als zutiefst unmenschlich erkanntes Gesetz, nach Gerichtsverfahren und einem mehrmonatigen Gefängnisaufenthalt, nach Mobilisierung der Medien und mit Unterstützung einer immer größeren Bewegung für Frauenrechte und Menschenrechte hat Morgentaler sein Ziel erreicht: Am 28. Jänner 1988 befand der Oberste Gerichtshof Kanadas, dass das Verbot des Schwangerschaftsabbruches gegen die Verfassung verstößt: Es verletzt das Grundrecht auf ‚Leben, Freiheit und Sicherheit’ (Morgentaler et al. v. Her Majesty The Queen 1988, I S.C.R. 30).

In den folgenden Jahren erhielt Morgentaler akademische und humanistische Ehrungen für sein mutiges Eintreten, wurde aber ebenso stark angefeindet, bedroht und bei der Eröffnung neuer Kliniken behindert. Kurz nach dem Jahrestag seines Erfolges wird er auch seinen 90. Geburtstag (19. März) begehen. Ein wahrhaft erfülltes Leben!

 

Buchtipp: Eleanor Wright Pelrine, Morgentaler – The Doctor Who Couldn’t Turn Away, 1975, ISBN 0-7715-9938-2

Lesen Sie auch: http://www.prochoiceactionnetwork-canada.org/articles/canada.shtml und

http://de.muvs.org/topic/henry-morgentaler-1923-2013/

 

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