NL 2005/01

Kyusaku Ogino (1882 -1975), Stiftpessare, Pearl-Index





Liebe FreundInnen des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch,



wer war eigentlich ‚Ogino’, dessen Name mit dem des Grazers Hermann Knaus (1892 - 1970) gleichsam verschmolzen ist? Den beiden verdanken wir bekanntlich die Berechnung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im weiblichen Zyklus und eine unzuverlässige Verhütungsmethode.



Kyusaku Ogino (1882 -1975) bemühte sich gleichzeitig mit Hermann Knaus – aber unabhängig von diesem – um Klärung der empfängnisbereiten Tage. Mit Hilfe des deutschen Missionspaters (!) Hubert Reinirkens wertete Ogino das deutschsprachige medizinische Schrifttum aus. Ruge, Fränkel, Schröder... sie alle rechneten vom ersten Tag der Regel nach vorn. Ogino drehte den Berechnungsmodus um und zählte vom ersten Tag der folgenden Regel zurück. Bei 65 Frauen mit sehr regelmäßigen Zyklen überprüfte er seine Theorie anhand einer histologischen Untersuchung der Eierstöcke. Am 20. Februar 1923 publizierte er eine vorläufige Arbeit im ‚Hokuetsu Medical Journal’.

Knaus stellte 1929 auf einem Gynäkologenkongress in Leipzig seine Erkenntnisse über die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im Zyklus der Frau vor.



Die Berechnungen von Ogino und Knaus unterscheiden sich nur marginal:

Ogino

erster fruchtbarer Tag = kürzester Zyklus - 18 Tage

letzter fruchtbarer Tag = längster Zyklus - 11 Tage



Knaus

erster fruchtbarer Tag = kürzester Zyklus - 17 Tage

letzter fruchtbarer Tag = längster Zyklus - 13 Tage



Der 1. Tag des Zyklus ist der Beginn der Monatsblutung





Die Methode hat auch den Spitznamen Katholiken-Roulette oder römisches Roulette, da sie sehr unsicher ist, aber von Papst Pius XII. am 29. Oktober 1951 in einer Rede vor Mitgliedern des katholischen italienischen Hebammenverbandes als einzige Methode der Empfängnisverhütung für tolerabel und anwendbar erklärt wurde.



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Die Vorläufer der modernen Spiralen vom Beginn des 20. Jahrhunderts waren wahrlich furchterregend: Ein solider oder durchbrochener Knopf aus Gold oder einem anderen Material von rund 20 mm Durchmessern trug in seiner Mitte ein Goldstäbchen von ca. 60 mm Länge, das sich zu einem „Y“ gabelt. (Eine gewisse Ähnlichkeit mit einem goldenen Manschettenknopf oder einem Pilz ist nicht zu leugnen.) Die Idee hinter diesen ‚Stiftpessaren’ war einerseits die Verhinderung der Einnistung des Eies in der Gebärmutter durch das eingeschobene Stäbchen, andererseits die Abdichtung des Muttermundes gegen aufsteigende Spermien durch den eng aufliegenden Knopf. Das Konzept erwies sich in zweifacher Hinsicht als Irrweg: Zum einen finden Spermien ihren Weg vorbei an derlei unzulänglichen Blockaden, zum anderen verursachte das in die Gebärmutter geschobene Stäbchen schwere Reizungen und Entzündungen (bis zu Perforationen?).



Spannend ist die technische Frage: Wie wurden die gegabelten Stabpessare eingelegt? Die geniale und unglaublich einfache Antwort fanden wir in der Broschüre ‚Taking Precautions: The Story of Contraception’ von Megan Hicks und Linda Adair (1995): Ein Tropfen Wachs hält die beiden klaffenden Enden des Stäbchens zusammen; dadurch ist das Einführen leicht möglich. Die Körperwärme schmilzt das Wachs, die beiden ‚Arme’ lösen sich voneinander und verhindern das Herausrutschen des Pessars.



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Die Sicherheit einer Verhütungsmethode wird mit dem so genannten Pearl-Index bestimmt, der berechnet, wie viele Schwangerschaften in 100 Verhütungsfrauenjahren eingetreten sind. Je kleiner diese Zahl desto besser. Gemessen wird damit die Qualität der Methode, aber nicht ihre Praxistauglichkeit. Nur der so genannte ‚praktische Pearl-Index‘ gibt Auskunft darüber, wie Frauen/Paare tatsächlich mit einer bestimmten Methode zurecht kommen. Nach dieser Zahl muss man aktiv fragen, denn sie ist näher an der Lebenswirklichkeit und daher oft ‚weniger schön‘ als der theoretische Pearl-Index.



Ein Beispiel dafür gibt die Berechnung der Sicherheit des Kondoms: Der Prozentsatz von ungeplant schwanger gewordenen Frauen im ersten Jahr der Kondomverwendung liegt ‚theoretisch’ bei 5, aber ‚praktisch’ bei 21. Für die periodische Abstinenz in Abhängigkeit von Selbstbeobachtungsmethoden gilt ‚theoretisch’ ein Prozentsatz von 1 bis 9, aber ‚praktisch’ finden sich 25 Prozent der Anwenderinnen im ersten Jahr der Verwendung in einer ungewollten Schwangerschaft. Mit längerem Gebrauch einer Methode steigt die Erfahrung, wodurch die Anzahl ungewollter Schwangerschaften abnimmt.



Mehr über dieses Thema lässt sich nachlesen in: Contraceptive Technology von Robert A. Hatcher et al., Ardent Media, New York, 1998 (ISBN 0-9664902-0-7)





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