NL 2014/11

Wer die Schwangerschaft verheimlicht ist eine Kindsmörderin





Wer die Schwangerschaft verheimlicht ist eine Kindsmörderin

Bevor Schwangerschaftstests ‚einfach so’ zu haben waren – statt nur über Arzt oder Apotheker -, wurde über die möglichen Gefahren dieser Liberalität diskutiert. Wer weiß, auf welche Gedanken eine Frau kommen könnte, wenn sie allein und noch dazu frühzeitig über ihre Schwangerschaft Bescheid wüsste? Frauen sollten also wegen ihrer möglicherweise egoistisch-kriminellen Überlegungen und Handlungen möglichst lange nichts von ihrer Schwangerschaft wissen. Man muss keine Feministin sein, um über diese männlich-autoritäre Anmaßung in Rage zu verfallen.

Aber sobald sie von ihrer Schwangerschaft wusste, war das Verheimlichen ein krimineller Akt. Denn es gab aus Sicht der (männlichen) Obrigkeit ja wohl nur einen einzigen Grund, weshalb eine Frau ihre Schwangerschaft verheimlicht: Sie plant eine Abtreibung oder einen Kindsmord. Damit würde dem Staat und der Kirche ein ihnen per Selbstverständnis zustehendes Menschlein vorenthalten.

War die Frau aber nicht verheiratet oder ihr Mann länger abwesend, dann galt das Verschweigen einer Schwangerschaft noch aus einem zweiten Grund als zu ahndendes Verbrechen: In diesem Fall bewies die Schwangerschaft die Unmoral der Frau.

Es lassen sich leicht Beispiele dafür aufzählen, dass dieses Denken nicht überwunden ist. Auf welches Land wir dabei zeigen und in welcher Zeit wir nachschauen, bleibt unserem Geschmack überlassen. In jedem Fall ist es schwer, die nötige akademische Unvoreingenommenheit zu wahren und das jeweilige Dokument nur als Ergebnis seines Kontextes zu akzeptieren.

 

Blick zurück ins 18. Jahrhundert

Unser heutiges Beispiel befindet sich im Archiv der Hansestadt Lübeck und stammt aus dem Jahr 1793. Der norddeutsche Rechtsgelehrte Johann Carl Henrich Dreyer (1723-1802) unterbreitete dem Rat der Stadt einen Vorschlag: „Eine wieder die Verheimlichung, Abläugnung der Schwangerschafft und heimliche Geburth zu erlaßende Verordnung oder drohentliche Warnung“. Eine derartige Regelung wäre notwendig, meinte Dreyer, denn „so viele, ja fast unzählige That-Handlungen haben leider die betrübende Erfahrung bestätiget: daß bei unzüchtigen Dirnen die Verheimlichung und Abläugnen ihrer Schwangerschafft der erste Grund, der erste Schritt und Vorbereitung des Kindermords gewesen; worauf den nachheer die Verheimlichung einer hülflosen Geburth, Verbergung des partus, kurz der würckliche Mord des Kindes, oder eine gefließentliche Verwahrlosung deßelben, bald auf diese, bald auff jene Weise erfolgen müßen.“

In Satzbau und Orthographie des 18. Jahrhunderts zählt Dreyer sodann einige Verordnungen auf, mit denen andere Landesherren versuchten, derartige Verbrechen zu verhindern oder zu bestrafen. Wenn man die „Frauenspersohn, die sich in Unehren schwängern laßen“ schon nicht mit der Todes-Strafe belegen „könne“, etwa weil sich auch unter der Folter kein Geständnis für einen vorsätzlichen Kindsmord erreichen ließ, dann würde sie beispielsweise im königlich-dänischen Herzogtum Holstein „allemahl auf Lebens-Zeit zum Zucht-Hause verurtheilet.“ Und entsprechend dem Schulterschluss zwischen Staat und Kirche wird diese Verordnung auch noch einmal jährlich von der Kanzel verlesen.

Damit die Delinquentin bestraft werden kann, müssen alle mithelfen. So soll „die Brotherrschafft, so bald sie von ihrer Dirne durch gute Gründe überzeugt, und diese dem Ansehen nach der Entbindung nahe ist, dieselbe in der Stille darnach befragen, und in Läugnens Fall, die zu den Verdacht veranlaßete Umstände der Obrigkeit anzeigen.“

 

Unwissenheit ist kein Milderungsgrund

Es nützt auch nichts, wenn die Frau von der Schwangerschaft nichts gewusst hat oder krank ist: Im Allgemeinen Gesetzbuch für die Preußische Staaten von 1792 heißt es dazu:
„Eine Geschwächte, welche die Entdeckung ihrer Schwangerschafft an die Ältern, Vormünder, Dienst-Herschafften, Hebammen oder Obrigkeit länger als vierzehn Tage, nach dem sie selbe wahrgenommen hatte, verschiebt, macht sich der strafbaren Verheimlichung der Schwangerschafft schuldig, und wegen den daraus entstehenden nachtheiligen Folgen verantwortlich.

§ 934: So bald die Leibesfrucht das Alter von 30 Wochen erfüllt hat, kan der Vorwand, daß die Geschwächte ihre Schwangerschafft noch nicht wahrgenommen habe, oder die zu deren Anzeige bestimte Frist nicht abgelaufen sey, nicht stat haben.“ Wenn eine Frau ihre Schwangerschaft verheimlicht hat und ein unreifes (nicht lebensfähiges) Kind zur Welt bringt, kann es sich ja nur um eine Abtreibung handeln und sie wird angezeigt.

In süddeutschen Gesetzesbüchern gilt als Kindermörderin eine „ledige Weibspersohn, die ihre Schwangerschafft verheimlichet hat“ und ein totes Kind vorweist. Ihre Behauptung gilt nicht, dass das Kind schon tot geboren oder gleich nach der Geburt gestorben wäre. Sie wird „mit dem Schwert bestrafet“.

Aus all diesen und weiteren aufgezählten Verordnungen entwickelt Johann Carl Henrich Dreyer einen Vorschlag für Holstein, der um nichts weniger grausam ist. Der Rat der Stadt Lübeck solle darüber hinaus noch überlegen, ob man „den Wirthen oder Wirthinnen (anbefehlen) möchte, ... bei sich eingemiethete oder aufhaltende [alleinstehende] Weibs-Persohnen, denen Behörden monathlich anzuzeigen.“ Da es manche Gelegenheit zu „Ausschweifungen, liederlichen Lebens-Arth und Schwängerung giebt“, sollten die Behörden „wegen der Uhrsache, warum sie sich in Dienste begeben, wodurch die den Unterhalt bekämm, etc., Nachfrage halten lassen.“

 

Wir danken MMag. Patrick Fiska vom Institut für österreichische Geschichtsforschung der Universität Wien für die Transkription des kniffligen Schriftstückes, in dem Kurrentschrift und Lateinschrift gleichzeitig und austauschbar verwendet werden, sowie (im deutschen Text) lateinische und französische Begriffe und Passagen enthalten sind.

Quelle:http://www.stadtarchiv-luebeck.findbuch.net/php/main.php?ar_id=3730#30312e312d303120283629x26799

 

 

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