NL 2015/01

Kyusaku Ogino: Rückwärts denken aber vorwärts rechnen. Vor 40 Jahren starb der japanische Gynäkologe (1. Jänner 1975)





Der Name des japanischen Gynäkologen Kyusaku Ogino wird meist in Kombination mit dem von Hermann Knaus genannt. Ihnen beiden verdanken wir die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode. Dennoch arbeitete jeder für sich allein.

Als sie einander persönlich kennen lernten, hatten sie ihre bahnbrechenden Erkenntnisse bereits der – skeptischen - Fachwelt mitgeteilt, jeder für sich. Knaus an der Universität Graz, Ogino als Chefarzt am Takeyama Spital in der japanischen Hafenstadt Niigata. Ogino begann früher als Knaus, nämlich bereits im Mai 1919, und ging die Frage von einer anderen Seite an: Er benützte seine Beobachtungsmöglichkeiten als gynäkologischer Chirurg für eine genaue Inspektion der Eierstöcke, der Eileiter und gegebenenfalls des Gelben Körpers in verschiedenen Phasen, wogegen Knaus seine Schlüsse aus dem unterschiedlichen Verhalten der Gebärmutter im Lauf des weiblichen Zyklus zog.

Ogino hatte das Ziel vor Augen, die fruchtbaren und die unfruchtbaren Tage herauszufinden. Er kannte das deutsche Schrifttum gut, in dem oft ganz widersprüchliche Theorien beschrieben wurden. Deutsch war bis ins 20. Jahrhundert die japanische ‚Medizinsprache’. Sogar Krankenberichte wurden auf Deutsch und in lateinischer Schrift geschrieben. Zusätzlich hatte Ogino auch im deutschen Missionspater Hubert Reinirkens einen Helfer für das Verständnis dieser Arbeiten.

Die so weit auseinanderklaffenden Angaben der deutschen Wissenschafter frustrierten Ogino, denn wie sollte er Ehepaare beraten, die entweder ‚endlich’ ein Baby haben oder ganz im Gegenteil kein (weiteres) Kind wollten? Wann war nun der Eisprung anzunehmen? Ein Autor nannte den 7. bis 14. Tag im Monatszyklus, ein anderer gab die Frist vom 14. bis 16. Tag an und ein dritter behauptete gar Tag 18,9. Im Laufe von drei Jahren konnte Ogino genaue Beobachtungen an 65 Frauen mit unterschiedlichem aber regelmäßigem Monatszyklus sammeln und die Daten auswerten. Zuerst versuchte er den Termin des Eisprungs mit der vorausgegangenen Menstruation in Zusammenhang zu setzen. Da war kein Muster zu erkennen. Sodann zählte er in die andere Richtung – und siehe da, plötzlich passte alles zusammen.

 

Wer versteht schon Japanisch?

Im Februar 1923 veröffentlichte er im Hokuetsu Medical Journal eine kleine Arbeit: „Der Eisprung steht mit der darauf folgenden Menstruation in Verbindung und nicht mit der vorhergegangenen, wie es die medizinischen Autoritäten bisher behauptet hatten.“ Und er gab auch gleich einen konkreten Zeitraum für den Eisprung an: 12 bis 16 Tage vor der Menstruation – unabhängig von der Zyklusdauer. Die Fachwelt nahm es gelassen.

Ein Jahr später präsentierte Ogino im Japan Gynecological Journal seine detaillierten Ergebnisse – 92 Seiten Text plus 5 Seiten mit Fotos. Diesmal reagierte die japanische Fachwelt enthusiastisch. Weil er die Diskussion über die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage ein für alle Mal geklärt und beendet hatte, verlieh ihm die Japanische Gynäkologische Gesellschaft sogar einen Preis. Bis in die USA oder nach Europa gelangten seine Forschungsergebnisse jedoch nicht.

In den nächsten Jahren schrieb Ogino in Japan insgesamt 26 Arbeiten über seine revolutionäre Entdeckung. Sein Ruhm in Japan war groß. Erst im Jahr 1928 kam er nach Deutschland und 1930 veröffentlichte er im (deutschen) Zentralblatt für Gynäkologie erstmalig seine Daten und Erkenntnisse. Mit Hilfe seines Berechnungssystems konnte er auch die Daten anderer Forscher interpretieren und so aufzeigen, warum sie zu falschen Resultaten gekommen waren. Die Granden gratulierten, auch Hermann Knaus.

 

Tage zählen, nicht Wochen

Knaus lernt aus Oginos Beobachtung, „daß die Berechnung des menschlichen Zyklus nach Wochen ungenau und irreführend ist, und daß wir die Länge des mensuellen Zyklus von nun ab nur mehr in Tagen rechnen dürfen.“

Wo unterscheiden sich die Ergebnisse der beiden? Dazu Knaus: „Ogino gebührt zweifellos das Verdienst, vor mir auf das Bestehen einer physiologischen Sterilität des Weibes während des mensuellen Zyklus mit Bestimmtheit hingewiesen zu haben. Da ihm aber geringere Kenntnisse aus der Physiologie der Fortpflanzung zur Verfügung standen, zog er seine Grenzen um den Ovulations- und Konzeptionstermin viel weiter, als ich es im Jahre 1929 selbstständig und unabhängig von ihm getan habe.“

Obwohl wir dank Ogino und Knaus wissen, dass die Menstruation die Folge des Eisprungs ist (und nicht umgekehrt), hat die Rückwärtsrechnung nur theoretischen Wert. Ogino und Knaus blieben dabei, „ ... zwecks Vermeidung von Unklarheiten über die Zählung des mensuellen Zyklus ..., den Eintrittstag der Menstruation weiterhin als 1. Tag des mensuellen Zyklus zu bezeichnen und an der bisher gepflogenen Zählung des Zyklus im Sinne des Fortschreitens der Zeit festzuhalten.“

 

Quelle:
H. Knaus: Die periodische Frucht- und Unfruchtbarkeit des Weibes, Zbl. Gyn. 57, 24, 1933

 

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