NL 2015/01a

"Wer aus dem Sturm heimkommt, der hat Erfahrung." (isländisches Sprichwort)





Vor 80 Jahren hat Island den Schwangerschaftsabbruch frei gegeben

Island kennen wir alle – aus Kriminalromanen: „Der Pakt der Wächter“, „Duell“, „Eiskalte Stille“, „Abgründe“ ... Mehr als hundert isländische Krimis sind auf Deutsch erhältlich und erfreuen Krimifreunde. Ansonsten wissen wir nicht wirklich viel über die ferne Insel.

Aber morgen, am 28. Jänner, kann Island auf etwas ganz anderes stolz sein, nämlich auf seine Fortschrittlichkeit: Vor genau 80 Jahren – am 28. Jänner 1935 - hat Island als erstes westliches Land den Schwangerschaftsabbruch freigegeben. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre hatte auch Island erreicht, dessen ‚Reichtum’ der Fisch war. Da der Fischexport aber rapide abnahm, Fabriken schließen mussten, Jobs wegfielen, verarmte die Bevölkerung (ca. 110 000 Einwohner) rapide. Wie sollten Frauen ihre Familien satt bekommen geschweige denn das Geld für Verhütungsmittel aufbringen?

In dieser wirtschaftlichen Not schwanger zu werden war eine Katastrophe. Abtreibung wurde mit acht Jahren Arbeitslager bestraft. Doch auch die Ärzteschaft und die Politiker war sich der Not der Frauen bewusst und versuchten zu helfen. Tatsächlich wurden in dieser Situation Schwangerschaftsabbrüche von Ärzten und in Krankenhäusern durchgeführt, sodass keine Frau bei einer Hinterhof-Abtreibung wie in anderen Ländern gestorben ist.

Vorsitzender der Ärzteorganisation war der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Vilmundur Jónsson (1889-1972). Obwohl seine Partei nur ca. ein Fünftel der Parlamentssitze inne hatte, gilt er als der ‚Vater’ des Gesetzes über die Unterbrechung der Schwangerschaft. Darin werden soziale Umstände berücksichtigt: „ ... ob die Frau vorher in kurzen Abständen mehrere Kinder und das letzte davon erst kürzlich geboren hatte oder ob die Frau wegen mehrerer unversorgter Kinder, wegen Armut oder ernster Krankheit im Hause unter sehr schlechten häuslichen Verhältnissen zu leiden hat.“

Kritiker meinen, dass der ‚geduldete Abbruch aus wirtschaftlicher Not’ in der Zeit vor der Gesetzwerdung den Ärzten mehr Spielraum gelassen hat als die Festschreibung genauer Rahmenbedingungen. Tatsache ist, dass Island das erste Land mit einer modernen Abtreibungsregelung war und das Gesetz von 1935 als Vorläufermodell für die Gesetzgebung der meisten europäischen Länder in den 1970er-Jahren gelten kann.

Als erster Staat überhaupt hatte die Sowjetunion 1920 den Schwangerschaftsabbruch frei gegeben, ihn jedoch unter Joseph Stalin wieder verboten, um eine möglichst große Bevölkerungszahl zu erreichen.

 

Besuchen Sie das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Mariahilfer Gürtel 37, 1150, Mittwoch bis Sonntag 14 bis 18 h, oder unsere Homepage de.muvs.org und unsere Facebookseite http://www.facebook.com/eMUVS.