NL 2015/04

Die Prager Jahre eines Ausnahmearztes





Der Gynäkologe Hermann Knaus praktizierte und forschte über zehn Jahre in der Goldenen Stadt. Dabei machte er manch kinderloses Paar glücklich und sich selbst Feinde im NS-Parteiapparat

Wer im Prager Lehrkrankenhaus zu tun hat, kommt an einer Tafel mit den Namen großer Ärzte vorbei, die hier gewirkt haben. Einer von ihnen war der Österreicher Hermann Knaus (1892-1970), von 1934 bis 1945 Chef der Geburtshilflichen Klinik in der Apolinárská sowie der Gynäkologischen Klinik in der U Nemocnice Straße.

Knaus war ein begnadeter Chirurg, dessen ‚goldene Hände’ so mancher Frau das Leben gerettet haben. Auch als Wissenschafter war er berühmt und wurde im Jahr 1936 sogar für den Medizin-Nobelpreis vorgeschlagen. Seine Studien betrafen den weiblichen Zyklus, in dessen Verlauf die Frau nur einige Tage empfängnisbereit ist. Er konnte bereits im Jahr 1929 als Universitätsassistent in Graz beweisen, dass 14 Tage vor der nächsten Monatsblutung ein reifes Ei auf seine Befruchtung durch ein Spermium wartet. Aber wie kann eine Frau wissen, wann ihre nächste Monatsblutung stattfinden wird? Dazu muss sie mindestens zwölf Monate lang Buch führen; so lassen sich die kürzeste und die längste Zyklusdauer berechnen. Entsprechend wird der Zeitraum verlängert, in dem kein ungeschützter Sex stattfinden darf, wenn die Frau nicht schwanger werden will. Umgekehrt ist es einfacher: Das so genannte ‚Konzeptionsoptimum’ – also die Zeit, in der es mit großer Wahrscheinlichkeit ‚klappt’ – ist auf ein oder zwei Tage beschränkt. Im fernen Japan war der Gynäkologe Ogino zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen, daher heißt die Berechnung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage die ‚Knaus-Ogino-Formel’. Viele Frauen aus nah und fern ‚pilgerten’ zu Prof. Knaus, wenn ihre Ehe ungewollt kinderlos geblieben war.

Kaum hatte Knaus 1934 seine Arbeit in Prag aufgenommen, kam es zu massiven Studentenunruhen. Die deutsche Universität sollte endlich die historischen Universitätsinsignien sowie das Archiv der Karls-Universität herausgeben: Gründungsurkunde, Zepter sowie Amtskette. Nazi-Deutschland und deutsch-nationale Kreise in der Tschechoslowakei tobten.

Als nächstes veränderte der Ministerrat den Modus für die Ernennung neuer Professoren. Die nationalsozialistische „Zeitschrift für Kulturpolitik“ schlug Alarm: „Es ist offensichtlich, daß dieser Kampf die Möglichkeit bietet, den deutschen Charakter der Hochschulen allmählich verschwinden zu lassen.“ Es sei das Ziel der tschechoslowakischen Regierung, „das Deutschtum in der CSR langsam aber sicher abzutöten, wobei die kulturelle Entrechtung ja schon immer an erster Stelle gestanden habe.“ Und weiter: „Es geht um das Recht von 9000 deutschen Studenten und über 400 deutschen Lehrern an Hochschulen deutschen Geistes!“

Im September 1938 vereinnahmte das Deutsche Reich das Sudetenland. Daraufhin verließen viele Professoren, Ärzte und Krankenschwestern das Land. Knaus und Kollegen fühlten sich aber ihren PatientInnen verpflichtet und taten ihr Möglichstes, um Universitäts- und Klinikbetrieb aufrecht zu erhalten. Im März folgte er dem politischen Druck, der Sudetendeutschen Partei beizutreten, nachdem er schon von 1921 – 1924 in Graz Mitglied der Großdeutschen Partei gewesen war. Weil er während der Septemberkrise 1938 in Prag ausgeharrt hatte, galt Knaus unter der neuen politischen Konstellation trotzdem als ‚politisch unzuverlässig’.

 

Angezweifelt und belächelt

Als Dekan der Medizinischen Fakultät erlebte Knaus, dass der Berliner Chirurg Kurt Strauß, SS-Sturmbannführer, der Universität aufgezwungen wurde. Doch der unfähige und sich überschätzende Operateur, dessen chirurgischer Ehrgeiz vielen Patienten den Tod brachte, war in Prag nicht willkommen. Die Fakultät wehrte sich, hatte aber gegen Strauß’ politisch hoch stehende Freunde keine Chance.

Knaus protestierte gegen diese Berufung. Bereits nach wenigen Monaten konstatierte er, dass sich die wissenschaftlichen und operativen Bedenken gegen die Ernennung von Strauss „als durchaus gerechtfertigt erweisen, denn seine operative Tätigkeit ist von einer relativ so hohen Mortalität begleitet, dass diese bereits zu den wildesten Gerüchten in der Stadt und im ganzen Land Anlass gegeben hat ...“ Tatsächlich waren nach den ersten elf Monaten von Kurt Strauß’ Amtsführung (1940) an seiner Klinik 102 Patienten verstorben.

Knaus’ Bericht war politisch nicht opportun, daher wurde eine Kommission unter der Leitung des Berliner Chirurgen Ferdinand Sauerbruch zur Überprüfung eingesetzt. Laut ihrem Urteil waren die Kunstfehler von Strauß nicht so gravierend. Dennoch hätten sich bei ihm „fraglos fachliche Unzulänglichkeiten ergeben“ und er solle seinen Platz in Prag räumen und „Verwendung an anderer Stelle“ finden.

Durch sein Vorgehen hatte sich Hermann Knaus mächtige Feinde gemacht, die ihn vor das Oberste Parteigericht zitierten. Doch auch er hatte Fürsprecher, etwa Unterstaatssekretär von Burgsdorff, der kritisierte, „daß ein Beamter, der von seiner vorgesetzten Dienststelle zu einer dienstlichen Äußerung (Gutachten) veranlasst wird, dann wegen dieser Äußerung vor ein Parteigericht gezogen wird.“ Auch Reinhard Heydrich, Stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, gehörte dazu.“ Der Prozess schleppte sich bis 1942 dahin, jede Partei warf der anderen möglichst viele Knüppel zwischen die Beine. Bei der Verhandlung wurde Knaus verwarnt, obwohl sich keine Anhaltspunkte für ein entsprechendes Fehlverhalten fanden. Doch könne es nicht angehen, dass durch seine Stellungnahme „ein im öffentlichen Leben an führender Stelle stehender Parteigenosse, der für Partei und Staat erhebliche Verdienste aufzuweisen hat, in seiner Ehre angegriffen worden ist.“ Knaus habe „ohne genügende Prüfung des Tatbestandes seinen Kollegen Strauß schwer belastet“.

Medizinisch stieß Knaus’ Lehre lange Zeit auf große Skepsis. Dass die Eizellen der Frau nur wenige Stunden lang befruchtet werden können, war leicht zu akzeptieren. Doch dass die Samenzellen des Mannes höchstens fünf Tage lang befruchtungsfähig sind, wurde von der wissenschaftlichen Gemeinschaft erst nach zehn Jahren und Vorlage vieler neuer Beweise hingenommen. Seine dritte Erkenntnis – nämlich die vom konstanten Zeitabstand zwischen Eisprung und der nachfolgenden Menstruation – wurde noch in den fünfziger Jahren vielfach angezweifelt oder belächelt. So genannte ‚Knaus-Kinder’ wurden auf ein Versagen seiner Methode zurückgeführt. Er selbst konnte allerdings in allen überprüfbaren Fällen entweder auf einen Rechenfehler oder auf medizinische Abweichungen aufmerksam machen.

Im Gegensatz zur skeptischen Fachwelt war die Presse schnell an Knaus’ Entdeckung interessiert. Viele Ehepaare, aber auch katholische Pfarrer, sahen ‚in der Ausnützung der natürlich unfruchtbaren Tage aus schwerwiegenden Gründen’ eine Verhütungsmöglichkeit für Ehepaare ohne gegen das göttliche Gebot zu verstoßen. Seine größte Auszeichnung war für den gläubigen Katholiken die Anerkennung seiner Lehre durch Papst Pius XII im Jahre 1951 als einzige von der Kirche tolerierte Methode zur Empfängnisverhütung.

 

Fürsorglich und schroff

Zu Knaus’ Aufgaben gehörte auch die Ausbildung von Studenten und jungen Ärzten. Er war ein ausgezeichneter Lehrer; als Chef war er streng und unerbittlich. Als der später ebenfalls berühmt gewordene Hugo Husslein Professor an der Universität Wien wurde, sagte er: „Was ich heute bin und kann, verdanke ich in erster Linie Knaus. Er war mein eigentlicher Lehrer. Bei ihm habe ich das Operieren gelernt.“

Neben seiner Tätigkeit in der Klinik sowie seiner Lehr- und Forschungstätigkeit führte Hermann Knaus eine Privatordination in der heutigen Opletalova Straße nahe dem Hauptbahnhof. Patientinnen erinnerten sich an seine mit Antiquitäten ausgestatteten Räume, die Knaus’ Liebe zu Kunst und Kultur verrieten. Hermann Knaus und seine Frau Ruzica gingen so oft wie möglich ins Konzert oder in die Oper. Knaus war aber auch ein sehr naturverbundener Mensch: Schon seit seiner Jugend in Kärnten war er ein wagemutiger Bergsteiger, Kletterer und Schifahrer. Außerdem ging er gerne auf die Jagd und ritt aus, so oft es seine Zeit erlaubte. Auf seinem Gut Lojovice, rund 30 km von Prag, verbrachte er mit Frau und Tochter viel Zeit. Dorthin hatte er auch seine umfangreiche wissenschaftliche Bibliothek verbracht, die er für seine eigenen Bücher und Artikel benötigte.

Da Knaus trotz NSDAP-Parteizugehörigkeit seit 1939 und nationaler Gesinnung ein weitgehend unpolitischer Mensch war, dem das Wohl seiner Patientinnen wichtiger war als deren Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe, einer Partei oder einer Nationalität, wollte er im Jahr 1945 seine Klinik behalten. Diese Hoffnung zerschlug sich, jedoch wurde es ihm aufgrund seines untadeligen Verhaltens gestattet, seinen Hausstand mitzunehmen. In Österreich wurde er nicht mit offenen Armen empfangen: Andere Kollegen warteten ebenfalls auf berufliche Angebote und das Klima war Neuankömmlingen gegenüber unfreundlich. Dazu kam, dass Knaus zwar zu seinen Patientinnen liebenswürdig und fürsorglich war, ansonsten jedoch schroff und unbarmherzig kritisch. Dadurch hatte er es sich mit vielen verscherzt, die andernfalls vielleicht als Fürsprecher oder Mittelsmänner hätten helfen können.

1950 erhielt Hermann Knaus schließlich das Primariat der Frauenabteilung am Krankenhaus Lainz, das er bis 1960 innehatte. Weiterhin hielt er Vorträge sowohl vor Fachpublikum als auch in der Erwachsenenbildung, schrieb Artikel und war als Gutachter tätig. 1970 ist er in Graz gestorben.

 

Quellen:

Deutsche Hochschulen in Gefahr, in: Volk im Werden, hrsgg. v. Ernst Krieck, 5, 1937, S.211f.
N.N. (Hegewald?) v. 25. 10. 1942, Narodni archiv 110-4/116/207, W. Jacobi an H.J. Fischer v. 14. 2. 1945, Bundesarchiv, ZB 6980
H. Knaus an W. Saure vom 2. 7. 1940, Narodni archiv 110-4/116/455
K. P. Behrendt, Die Kriegschirurgie von 1939-1945 aus der Sicht der Beratenden Chirurgen des deutschen Heeres im Zweiten Weltkrieg, Diss. 2003, S243f.
L. Conti an R. Heydrich v. 9. 2. 1942, 110-4/116/373 Narodni archiv Praha
C. v. Burgsdorff an K. H. Frank vom 22. 10. 1941, Narodni archiv 110-4/116/425f.
Dokument o. V. v. 26. 11. 1941, Narodni archiv 110-4/116/400
A. Miskova, Die Deutsche (Karls-)Universität vom Münchener Abkommen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges – Universitätsleitung und Wandel des Professorenkollegiums, Prag: Karolinum, 2007, S114

30. Oktober 2014, Prager Zeitung Nr. 44

 

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