NL 2018/06

Der unterschätzte Schwangerschaftstest





„Halten Sie die Spitze des Teststreifens in ihren Harnstrahl. Lesen Sie das Testergebnis nach 5 Minuten ab.“ Kinderleicht. Fürchterlich trivial. Völlig unpolitisch.

Während sich Soziologen, Bevölkerungswissenschafter und sogar Theologen ausführlich mit dem gesellschaftsverändernden Einfluss der ‚Pille’ beschäftigt haben, wurde die brisant-politische Entwicklung des Schwangerschaftstests bisher kaum beachtet. Dem britischen Wissenschaftshistoriker Jesse Olszynko-Gryn von der Universität Cambridge ist es zu verdanken, dass dieses Thema nun ans Licht kommt.

Wozu sollen Frauen überhaupt wissen, dass sie schwanger sind, fragte noch im Jahr 1943 der Arzt Prof. Dr. Walter Stoeckel. In seinem Lehrbuch der Geburtshilfe schreibt er: „Wenn man bei der ersten Untersuchung der Frau nicht klar ist, ob eine Schwangerschaft vorliegt oder nicht, tut man gut, die Frau nach 14 Tagen oder 3 Wochen zu einer erneuten Untersuchung zu bestellen.[…] Auch aus taktischen Gründen empfiehlt es sich manchmal, nicht gleich bei der ersten Untersuchung die Diagnose bestimmt mitzuteilen, z.B. bei Unverheirateten, bei denen man Veranlassung hat, anzunehmen, daß ihnen eine Schwangerschaft unwillkommen ist.“

Im Hintergrund schwang die Befürchtung mit, Frauen würde dieses Wissen ‚auf blöde Ideen bringen’.

Als Sicherung gegen mögliche ‚blöde Ideen’ gab es zwei Mechanismen: Zum einen galt die Verordnung, dass frau ihre Schwangerschaft dem Pfarrer oder dem Grundherrn melden musste, andernfalls galt sie als (potentielle) Kindsmörderin und machte sich strafbar. Zum anderen waren in die (frühzeitige) Feststellung einer Schwangerschaft mehrere Personen eingebunden, sodass die Frau ihre Schwangerschaft nicht mehr ohne Mitwisser beenden konnte.

Die ersten verlässlichen Schwangerschaftstests (ca. 1920 bis ca. 1960) erforderten tatsächlich einen großen personellen, organisatorischen und kostenmäßigen Aufwand; daher ist das Bemühen verständlich, sie im medizinischen Bereich zu halten und auf diagnostische und therapeutische Fragestellungen zu beschränken. Die neuentwickelten immunologischen Tests wurden zwar in der Durchführung wesentlich einfacher und aufgrund der industriellen Herstellung deutlich billiger, blieben aber in der Hand der ‚Fachleute’ (Ärzte, Apotheker, nationales Gesundheitssystem).

 

Medizinische Gründe für erhöhte Nachfrage

Die Nachfrage nach frühzeitigem Wissen über eine bestehende Schwangerschaft begann in den 1960er-Jahren zu steigen. Stichworte dazu sind die Contergan-Katastrophe, die Sensibilisierung gegenüber einer Rötelninfektion, der Schädigung des Fötus durch Rauchen und Alkohol, aber auch die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten ungewollt Kinderloser. Schwangerschaftstests wurden nach und nach von verschiedenen Gesundheitsversorgern angeboten. Doch waren Frauen nach wie vor vom Wissen Dritter abhängig.

1971 kam in Großbritannien mit ‚Predictor’ der erste Do-It-Yourself-Schwangerschaftstest auf den Markt, doch gab es auch Warnungen vor unzuverlässigen Tests oder (teuren) Anwendungsfehlern.

Der Umschwung erfolgte, als Frauenorganisationen im Rahmen ihres Kampfes für kostenlose Verhütung und Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruches erkannten, dass die Macht der Entscheidung so lange beim Arzt und nicht bei der Frau lag, so lange der Schwangerschaftstest eine ärztliche Leistung blieb. Aktivistinnen erlernten die Handhabung der kommerziellen Tests, liefen gegen die Weigerung der Hersteller an, Testkits an nicht-medizinische Institutionen auszuliefern, entwickelten Beratungsleistungen und gewannen ÄrztInnen zur Betreuung. Aus dem Schwangerschaftstest war ein Kampfmittel der Frauenemanzipation geworden.

Im Gegensatz zu heute ähnelten die ersten modernen Testkits noch einem kleinen Chemielabor mit entsprechend abgefassten Anleitungen. Fachtermini wie ‚Agglutination’ mussten in allgemein verständliche Formulierungen übersetzt und die ganze Anleitung an die Praxis in Frauenzentren angepasst werden. Auch ging es darum, kostenlose Räume mit Wasseranschluss und Toiletten zu finden, Kühlschränke für die Lagerung der Testkits zu organisieren, freiwillige Testerinnen anzulernen und Qualitätsstandards auszuarbeiten und abzustimmen.

 

Feministisches Schwangerschaftstesten bis in die 1980er-Jahre

Wie sollte der jeweiligen Frau das Testergebnis kommuniziert werden? Die Grundannahme, dass nur solche Frauen zum Test kämen, die eine Schwangerschaft befürchteten, musste bald revidiert werden. Daher wurde das anfängliche „Sie sind nicht schwanger“ modifiziert zu einem wertfreien „Der Test ist negativ“. Auch die anfangs gestellte Frage „Wie verhüten Sie?“ wurde aufgegeben, denn sie machte bei einer gewollten Schwangerschaft keinen Sinn. Ein weiterer Lernprozess der Aktivistinnen betraf die Betreuung von Frauen, die – aus welchem Grund immer – nach Mitteilung des Testergebnisses in Tränen ausbrachen. Und schließlich mussten organisatorische Vorkehrungen getroffen werden, damit die Frauenzentren ihren Klientinnen Privatheit und Vertraulichkeit gewährleisten konnten.

Es ging aber auch darum, das Angebot der kostengünstigen Schwangerschaftstestung in Kreise hineinzutragen, die nicht zu den regelmäßigen Teilnehmerinnen von Frauentreffen gehörten, und schließlich musste der politische Kampf weitergeführt werden, damit die öffentlichen Gesundheitsanbieter ihr Angebot an Schwangerschaftstests erweiterten anstatt sich daraus zurückzuziehen und dieses Thema erfreut - weil kostensparend - den Aktivistinnen zu überlassen.

Der Wissenschaftshistoriker Jesse Olszynko-Gryn führte Interviews mit vielen Pionierinnen der Frauenbewegung und beschreibt in seiner sehr spannenden und detailreichen Arbeit ‚The feminist appropriation of pregnancy testing in 1970s Britain’ deren mühsamen Weg zur ‚Eroberung’ des Schwangerschaftstests. Durch ihre politische Arbeit haben sie die Medizin in diesem Bereich entmystifiziert und Frauen in ihrer Selbstbestimmtheit gestärkt. Ihnen ist es zu verdanken, dass die medizinische Technologie des Schwangerschaftstests Eingang in die private häusliche Sphäre gefunden hat.

Wir kennen es nicht mehr anders: Kinderleicht. Fürchterlich trivial. Völlig unpolitisch.

 

Ein interessanter Artikel über Schwangerschaftstest erschien auch in der aktuellen ‚Deutschen Apotheker Zeitung‘ (158. Jg, Nr. 21, 24. Mai 2018, Seite 48).

 

Quellen:
W. Stoeckl, Lehrbuch der Geburtshilfe, Jena, 1943
Jesse Olszynko-Gryn, The feminist appropriation of pregnancy testing in 1970s Britain, Women's History Review, Cambridge, 2017