NL 2018/11

50 Jahre katholische Enzyklika Humanae vitae





Hatte der Österreicher Hermann Knaus seine Hand im Spiel?

Zurück in die 1930er-Jahre: Verhütung ist ein Glücksspiel, Abtreibung ist verboten und deshalb sehr gefährlich. Da präsentiert Hermann Knaus seine neuesten Forschungsergebnisse: Jetzt lässt sich erstmals voraussagen, an welchen Tagen eine Frau schwanger werden kann und an welchen nicht. Ein Weltbild kommt ins Wanken: Kinder können geplant, ungewollte Schwangerschaften vermieden werden. Damit können die Menschen ihr Schicksal selbst bestimmen - ein schwerer Schlag für christliche Ideologien, die Kinder als Gottes Werk ansehen: Sein Wille ist bedingungslos anzunehmen; menschliches Eingreifen ist Sünde. Jetzt müssen sie Stellung nehmen.

Die katholische Kirche hat seit Jahrtausenden ein strenges Verbot der Selbstbestimmung aufrechtgehalten und bekräftigt es 1930 in einer eigenen Enzyklika (Casti Connubii). Doch immerhin, sie ringt sich zur Akzeptanz von Knaus' Lehre durch: Weil sie Verzicht erfordert und weil sie recht fehlerbehaftet ist.

Dreißig Jahre später entwickeln der katholische Gynäkologe John Rock und der Biochemiker Gregory Pincus in den USA die Pille auf Basis der Lehre von Knaus und der Vorarbeit zahlreicher Forscher. Verzicht ist jetzt nicht mehr nötig und Rechenfehler sind selten. Wieder sehen sich die Religionsgemeinschaften gefordert, ihre Schäfchen anzuleiten.

Die katholische Kirche ringt hart. Da sie Knaus' Verhütungsmethode akzeptiert hat, gibt es eigentlich kein Argument, die Pille abzulehnen, auch nicht aus theologischer Sicht. Obwohl das Thema Sex für Repräsentanten der katholischen Kirche nach eigener Aussage peinlich ist, beschäftigen sie sich in jahrelangen Beratungen, Gremien, Arbeitskreisen und Diskussionen mit den Für und Wider der Pille. Was wird da nicht alles geprüft: Medizin, Ethik, Moral, Kirchengeschichte, Kirchenväter, frühere eigene Statements etc. Die zentrale Frage im Vatikan lautet: Wenn Fruchtbarkeit gottgewollt ist - darf der Mensch dem lieben Gott ins Handwerk pfuschen?

Nach sechs Jahren intensiver Diskussionen, am 25. Juli 1968, ist es so weit: Der katholische Papst hat sich entschieden. Man glaubt, seine Entscheidung schon zu kennen: Sie kann ja gar nicht anders sein als positiv für die Pille, schließlich wurde Knaus' Tagezählen von der katholischen Kirche bereits vor Jahrzehnten akzeptiert. Es könne ja nicht sein, dass die Kirche eine weniger wirksame Methode gutheißt und dann eine wirksamere Methode für den gleichen Zweck verbietet.

Niemand weiß, was den katholischen Papst in seiner Enzyklika Humanae Vitae (Über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens) dann doch zur Ablehnung der Pille veranlasst hat. Es scheint, als hätte der weltberühmte österreichische Gynäkologe Prof. Hermann Knaus (1892-1970) dabei seine Hand im Spiel gehabt. Denn ein paar Monate vor der Veröffentlichung der katholischen Enzyklika, im Oktober 1967, berichtete ‚Die Presse’ über einen Besuch von Knaus in Rom: „Der Prosekretär der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Ottaviani, hat Professor Knaus empfangen. Ottaviani ließ sich ein Resümee über die Ansichten des berühmten Gynäkologen zu den Wirkungen der ‚Pille’ und zur Geburtenkontrolle im Allgemeinen ausarbeiten, das Paul VI. unterbreitet werden soll.“

Der erzkonservative Katholik Ottaviani hatte tatsächlich sein eigenes Süppchen gekocht, um seine Ansicht einer totalen Ablehnung der ‚Pille’ als offizielle Politik des katholischen Vatikans zu etablieren - entgegen der damals herrschenden Meinung und entgegen der klaren Mehrheit sogar im Vatikan. Das konstatierte ‚Der Spiegel’ schon zu Beginn der Beratungen: „Kardinal Ottaviani hatte sich als Vorsitzender der Theologischen Kommission, die das Konzil vorbereiten half, erfolgreich bemüht, der Versammlung der Kirchenoberen nur Entwürfe nach seinem Geschmack zu präsentierten. Er hatte sich in der Kommission fast ausschließlich mit gleichgesinnten Oberhirten und Theologen umgeben.“

 

Die ‚Pille’ ist an allem schuld

Das Gutachten von Knaus liest sich wie eine Vorlage für die spätere katholische Enzyklika. Zuerst wettert er darin mit wissenschaftlichen Argumenten gegen die Pille. Sie sei nichts Neues: Das grundlegende Experiment für die spätere Entwicklung und Verwendung der ‚Pille’ als Verhütungsmittel sei bereits im Jahre 1930 an der Universitäts-Frauenklinik in Graz durchgeführt worden. Auf den weiteren Seiten seines Gutachtens handelte Knaus alle möglichen und unmöglichen Nebenwirkungen der (damaligen) Pille ab: Appetitlosigkeit, Arbeitsunlust, Brustkrebs, Depression, Erbrechen, Frigidität, Infertilität, Müdigkeit, Thrombose usw.

Sodann widmete sich Knaus entgegen seiner sonst streng wissenschaftlichen Argumentation auch dem moralischen Aspekt: Außer den von ihm aufgezählten medizinisch nachteiligen Wirkungen der ‚Pille’ auf den weiblichen Körper gefährde sie das Ethos in der zivilisierten Welt, in der sich bisher fast alle Menschen durch eine Beherrschung des triebhaften erotischen Verlangens ausgezeichnet hätten. Der Verlust dieser Selbstbeherrschung werde zum Einsturz der in Jahrhunderten errungenen gesellschaftlichen Ordnung führen. Wenig überraschend endete er schließlich bei seiner Methode der „natürlichen Empfängnisverhütung“ als einzig empfehlenswert und erwähnte seine eigenen Bücher.

Und noch etwas war ihm wichtig klarzustellen: Es wäre zynisch, seine Rhythmusmethode als Empfehlung für vorehelichen bzw. außerehelichen Sex zu verstehen und schon gar nicht als diesbezügliche Alternative zur Pille!

Ob der katholische Papst Knaus’ Gutachten tatsächlich zu Gesicht bekommen und gelesen hat, lässt sich wegen der großen inhaltlichen Übereinstimmung zwischen dem Gutachten und der späteren Enzyklika nur vermuten aber nicht beweisen, so lange der Vatikan sein Archiv unter Verschluss hält.

 

Coup d’Etat im Vatikan?

Die katholische Kirche hatte sich die Entscheidung pro oder contra ‚Pille’ nicht leicht gemacht: Zum einen gab es unter den Kirchenleuten tatsächlich wenig Wissen über die Wirkungen und Nebenwirkungen der Pille. Das Stichwort Contergan (Thalidomid) geisterte durch die Gehirne: Was ist, wenn die katholische Kirche etwas anerkennt, das sich später als medizinische Katastrophe entpuppt? Oder wirkt die ‚Pille’ vielleicht sogar abtreibend? (Medizinisches Wissen ist in den katholisch-klerikalen Köpfen bis heute nicht verankert, wie aktuelle Diskussionen zeigen.)

Trotz all dieser Erwägungen ergaben wiederholte Abstimmungen in den vatikanischen Gremien mehrheitlich eine klare Akzeptanz der Pille. Doch entgegen dieser Mehrheiten und der der katholischen Gläubigen lehnten der zweitwichtigste Mann im Vatikan, Kardinal Ottaviani, und eine Handvoll enger Vertrauter wie der spätere polnische Papst Wojtyla diese Ansicht ab. Ihnen ging es um Kontinuität und damit die Glaubwürdigkeit der katholischen Lehre, die sie als essentiell für das Überleben ihrer Kirche ansahen. Da kamen ihnen Knaus’ erschreckende Warnungen vor einer effektiven Verhütungsmethode gerade recht! Ob ihre Strategie aufging, sei angesichts der wachsenden Zahl von Austritten aus der katholischen Kirche und des Rückgangs des Einflusses des Vatikans seit der Enzyklika 1968 dahingestellt.

Vermutlich hatten weder der katholische Papst Paul VI noch Ottaviani einen derart massiven Widerstand gegen die Ablehnung der Pille erwartet. So sahen sich viele katholische Bischöfe in zahlreichen Ländern gezwungen, dem Druck ihrer Basis nachzugeben: In klarem Widerspruch zur katholischen Enzyklika gestanden sie ihren Anhängern in offiziellen Erklärungen das Selbstbestimmungsrecht bezüglich der Pille zu (beispielsweise in der Maria Troster Erklärung in Österreich, Königsteiner Erklärung in Deutschland, Solothurner Erklärung in der Schweiz).

 

Warum gerade Hermann Knaus?

Der Kärntner Gynäkologe Knaus war international einer der angesehensten Pioniere auf dem Gebiet der Familienplanung; er vereinigte wissenschaftliche Forschung mit großer Erfahrung eines praktisch tätigen Gynäkologen und Geburtshelfers, hielt Vorträge, bildete Ärzte aus, lehrte an der Universität. Regierungen holten ihn als Berater, prominente Patientinnen ließen sich von ihm helfen, Kollegen aus aller Welt kamen, um ihm über die Schulter zu schauen oder bei ihm mitzuarbeiten. Er erhielt Ehrendoktorate und andere Auszeichnungen. Nicht jeder teilte seine Meinung bezüglich der Wirksamkeit des Tagezählens, aber keiner konnte akademisch fundierte Gegenbeweise liefern. Doch auch ein ‚großer Geist’ braucht eine ‚Hausmacht’ und die war in Knaus’ Fall die katholische Kirche, der er zuarbeitete.

Damit das umfangreiche Werk von Hermann Knaus für die Nachwelt erhalten bleibt, sammelt und dokumentiert das MUVS in einem eigenen Projekt die rund 50 Jahre seines wissenschaftlichen Schaffens: Bücher, Artikel in Wissenschaftsjournalen, Diskussionsbeiträge, Briefe, Fotos etc. zeugen von seinem Bestreben, Naturgesetze zu verstehen. Das Hermann-Knaus-Dokumentationsarchiv sowie die kürzlich erschienene Biografie ‚Der Detektiv der fruchtbaren Tage - Die Geschichte des Gynäkologen Hermann Knaus’ von S. Krejsa MacManus und C. Fiala (Verlagshaus der Ärzte, ISBN 978-3-99052-146-5) zeigen den Wissenschafter und Arzt, den Kämpfer und Lehrer, den Kollegen und Freund.