NL 2007/08

Hermann Knaus (1892-1970)





Erst Ende der 1920er-Jahre wurden die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im Zyklus der Frau präzise aufgeklärt: Ziemlich zeitgleich aber unabhängig voneinander vom Österreicher Hermann Knaus (1892-1970) und dem Japaner Kyusaku Ogino (1882 -1975). Über Ogino haben wir bereits in unserem Newsletter 2005/01 berichtet, der auf unserer Homepage nachzulesen ist.

Die Berechnung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage (‚Tagezählen‘) verbreitete sich schnell, obwohl ihre sichere Anwendung zwei Bedingungen hat: Zum einen muss der Zyklus der betreffenden Frau sehr regelmäßig sein und darf sich auch durch Stress, Reisen und andere Einflussfaktoren nicht verändern. Zum anderen müsste sich menschliche Sexualität derart steuern lassen, dass ein Verkehr nur an den relativ wenigen sicheren Tagen stattfindet.

Deshalb und wegen der Anerkennung durch den Vatikan bekam die Knaus-Ogino-Lehre im Volksmund den Spitznamen ‚Katholiken-Roulette‘ oder ‚Römisches Roulette‘. Mit der Einführung der Pille und anderer wirksamer Verhütungsmethoden trat sie schließlich in den Hintergrund. Sie wird aber noch heute durch Zykluscomputer sowohl zur Verhütung als auch für Paare mit Kinderwunsch (‚Babycomputer‘ und ‚Ladycomputer‘) genützt.

Wir verdanken Hermann Knaus drei wesentlichen Erkenntnisse:
Über die Befruchtbarkeit der weiblichen Eizelle •
Über die Befruchtungsfähigkeit der männlichen Samenzelle
Über den konstanten Zeitabstand zwischen Eisprung und nachfolgender Menstruation.

Am schnellsten und leichtesten wurde die Beobachtung akzeptiert, dass die Eizellen der Frau nur wenige Stunden lang befruchtet werden können. Knaus erwähnt selbst, dass diese These von den wissenschaftlichen Kollegen sofort anerkannt wurde und keiner weiteren Beweisführung bedurfte. Dass die Samenzellen des Mannes nur bis zu 5 Tage befruchtungsfähig sind, wurde von der wissenschaftlichen Gemeinschaft hingegen heftig abgelehnt und erst nach zehn Jahren und Vorlage vieler neuer Beweise hingenommen. Über die Gründe für die vehemente Ablehnung der Erkenntnis von der ‚Endlichkeit der Spermien‘ lässt sich nur spekulieren; möglicherweise handelt es sich um emotionale Empfindlichkeiten der damals männlich dominierten medizinischen Wissenschaft.

Knaus’ dritte Erkenntnis klärte den konstanten Zeitabstand zwischen Eisprung und der nachfolgenden Menstruation auf. Vorher hatte es ganz unterschiedliche Ansichten gegeben. U.a. war gelehrt worden, dass die Frau an jedem Tag ihres Zyklus fruchtbar wäre.

Bis zur allgemeinen Akzeptanz von Knaus’ Lehre brauchte es Jahrzehnte, denn ihre Konsequenzen führen zur ethischen und weltanschaulichen Positionierung. Seine Erkenntnisse wurden von der Ärzteschaft lange Zeit nicht anerkannt und Knaus hatte große Mühe die ‚Evidence’ gegen die allgemeine Ignoranz zu verteidigen - die folgende Einschätzung stammt von seinem Berliner Kollegen Georg August Wagner aus dem Jahre 1943: „Durch seine wissenschaftlichen Leistungen wie durch seine von keinem anderen gynäkologischen Operateur erreichten operativen Leistungen hervorragend ist Prof. Knaus ... Er genießt Weltruhm. In einer Frage, dem Termin der nach Knaus allein möglichen Konzeption, ist er starrsinnig und hat sich durch seine grobe Ablehnung jedes abweichenden Standpunkts viele Feinde gemacht.“

Wer war Hermann Knaus? Er wurde im Jahr 1892 in St. Veit an der Glan (Kärnten) in eine bürgerlich wohlhabende Kaufmannsfamilie geboren, war lebenslang ein begeisterter und sehr ambitionierter Bergsteiger, Skifahrer und Reiter. Medizinstudium in Graz und Innsbruck, unterbrochen vom 1. Weltkrieg. Knaus wurde von seinem Professor sehr gefördert und ging 1924 mit einem Rockefeller-Forschungsstipendium nach London zu Prof. A. J. Clark, wo er in experimentelle Arbeiten an der tierischen Gebärmuttermuskulatur eingeführt wurde. Nach seiner Rückkehr an die Universitäts-Frauenklinik Graz machte Knaus am 31. Jänner 1927 eine entscheidende Entdeckung: „An diesem Tag beobachtete ich zum ersten Male an der Gebärmutter des schwangeren Kaninchens eine damals noch unbekannte Funktion des Gelben Körpers, nämlich seine Aufgabe, die Pituitrin-Empfindlichkeit der Gebärmuttermuskulatur auszuschalten und damit diese für eine ungestörte Entwicklung des Eies ruhigzustellen.“ Diese Reaktion tritt beim Kaninchen exakt 22 Stunden nach dem Eisprung ein.

Im Mai 1928 konnte Hermann Knaus an der Universitäts-Frauenklinik Berlin die kräftigen Bewegungen der menschlichen Gebärmutter unter dem Röntgenschirm beobachten, während die Muskulatur zu anderen Zeiten sehr schlaff und träge war. Von diesen Beobachtungen angeregt begann er an der Grazer Klinik, die Bewegungen der menschlichen Gebärmutter graphisch zu registrieren. Er erkannte, dass es auch beim Menschen zu einem entspannenden und erschlaffenden Einfluß des Gelbkörpers auf die Muskulatur der Gebärmutter kommt, und zwar beginnend etwa 12 Tage vor der nächsten Menstruation.

Um den Termin des Eisprungs genau zu bestimmen, bat Knaus seine Patientinnen, Aufzeichnungen über ihre Menstruation zu machen. So konnte er ableiten, dass zwischen dem Wirksamwerden des Gelben Körpers und dem Eisprung maximal 48 Stunden liegen. Daraus lassen sich 14 Tage zwischen dem Eisprung und der nächsten Menstruation errechnen. Das lässt sich deshalb mit solcher Bestimmtheit sagen, weil das Entstehen und Vergehen des Gelbkörpers, wie wir ihn heute nennen, aus dem geplatzten Eibläschen sehr regelmäßig abläuft.

Knaus stellte 1929 auf einem Gynäkologenkongress in Leipzig seine neuen Erkenntnisse vor. 1934 veröffentlichte er seinen Menstruationskalender und warb für dessen breite Anwendung, damit jede Frau ihren individuellen Zyklus kennt und sich danach richten kann.

Mit dem Aufkommen und Wachsen des Nationalsozialismus wurde das Thema ‚Verhütung‘ schnell unerwünscht, schließlich sogar unter Strafe gestellt. Erst nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch, dass sich nach Knaus’ Lehre sowohl die fruchtbaren als auch die unfruchtbaren Tage berechnen – und nützen - lassen. Dazu ein Zitat aus dem Jahre 1942: „Die Lehre Knaus’ von der relativen Unfruchtbarkeit wird erst jetzt mit Recht für die Population ausgewertet, da man auch die Zeit der relativen Fruchtbarkeit ermitteln kann. Heute ist die Verbreitung seiner Lehre zweifellos richtig, da viele Ehen der Kenntnis seiner Lehre ihre Kinder verdanken.“

Hermann Knaus erhielt in Österreich nicht die Anerkennung, die ihm gebührte, international wurde er aber sehr geachtet, zu Vorträgen eingeladen und ausgezeichnet. Seine größte Auszeichnung war für den gläubigen Katholiken die Anerkennung seiner Lehre durch Papst Pius XII. als einzige von der Kirche tolerierte Methode zur Empfängnisverhütung.

Knaus beschäftigte sich auch mit der Pille – sprach sich aber vehement dagegen aus, sowohl aus medizinischen als auch aus moralisierenden Gründen. Sein ehemaliger Schüler Heinz Braitenberg-Zenoberg schrieb: „In den letzten Jahren, wo die ‚Pille‘ immer mehr von den Gynäkologen verodnet, aber auch in vielen seriösen und noch mehr unseriösen Zeitungen und Zeitschriften besprochen und angepriesen wurde, war Knaus einer der ersten, der gegen die Pille Stellung nahm. Knaus ... wurde vom jetzigen Papst zu einer Expertise aufgefordert und es ist kein Zweifel, dass er maßgeblich an der Ablehnung der Pille beteiligt war.“

Hermann Knaus starb im Alter von 78 Jahren in Graz. An seinem Sterbebett wurden ihm vom vatikanischen Nuntius in Österreich noch Segenswünsche des Papstes überbracht. Er ist in St. Veit an der Glan begraben.

Der Folder ‚Hermann Knaus – Detektiv der fruchtbaren Tage (1892 – 1970)’ ist für Euro 1,- im Museum erhältlich

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Mi bis So 14–18 Uhr
Mariahilfer Gürtel 37/1. Stock, A-1150 Wien
www.muvs.at, Tel. +43 699 178 178 04, Fax: +43 1 892 25 81