NL 2008/04

"Für Frauen, deren Gesundheit ein zu schnelles Familienwachstum nicht erlaubt"

Vor 130 Jahren schnitt sich Anna Lohman a.k.a. 'Madame Restell' die Kehle durch.





Für die einen war es das verdiente Ende einer abgrundtief bösen Frau ('the wickedest woman in New York'), für die anderen der tragische Tod einer Helferin und Wegbereiterin ('a woman before her time'). Wikipedia und die Encyclopedia britannica kennen sie und ihren Zeitgenossen schenkte sie den Terminus 'Restellismus' als Synonym für den (verbotenen) Schwangerschaftsabbruch.

Anna Lohman (1812–1878), als Ann Trow in eine ländliche Arbeiterfamilie Englands geboren, heiratete früh und wanderte mit ihrem ersten Mann in die USA aus. Mit zwanzig Jahren war sie schon Witwe und musste irgendwie überleben. 1836 heiratete sie den Schriftsetzer Charles Lohmann, Sohn einer deutsch-russischen Emigrantenfamilie.

Anna betreute kranke und hilfsbedürftige Frauen und nützte das Wissen ihres Bruders Joseph, der als Gehilfe in einer Apotheke arbeitete. Bald entwickelte sie Pillen für die Familienplanung und bewarb sie geschickt als 'Madame Restells Patentmedizin'. Da Frankreich schon damals als 'Land der Liebe' galt, verwendeten Hebammen und Engelmacherinnen häufig französische Pseudonyme.

Seit 1820 war New York die größte Stadt der Vereinigten Staaten und wurde zum wichtigsten Umschlagplatz und bedeutendsten Hafen. Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts war es ein Anziehungspunkt für die Landbevölkerung auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Dazu kamen über zwei Millionen Immigranten, vorwiegend aus Irland und Deutschland. Kinder bedeuteten häufig eine Katastrophe – für junge, unerfahrene Mädchen genau so wie für arme Familien.

Empfängnisverhütung galt als obszön

Das Ehepaar Lohmann nützte die Möglichkeiten der aufstrebenden Zeitungen und warb in der 'Penny Press', was das Zeug hielt. Die Nachfrage nach ihren Produkten und 'Dienstleistungen' war groß, denn sie hatten einen guten Ruf. Von den 1840ern bis in die 1870er führte 'Madame Restell' und 'Dr. Mauriceau' einen florierenden Versandhandel für Verhütungsmittel und eine Abbruchklinik in New York City. Bald eröffneten sie Tochterunternehmen in Boston und Philadelphia und wohnten in einem teuren Haus auf der Fifth Avenue.

Dies alles passierte unter den Augen der Polizei, denn Geburtenkontrolle war verboten. Ihr erbitterter Gegenspieler war der amerikanischen Politiker und Moralapostel Anthony Comstock (1844-1915), Sekretär der New Yorker 'Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters'. Er setzte 1873 das 'Comstock Law' durch, das jeden Postversand von "obszöner, unzüchtiger oder wollüstiger Literatur in Form von Büchern, Flugblättern, Bildern, Schriften, Blättern oder anderen Publikationen 'unanständiger Art'" verbot. Nach Comstocks Auffassung stellte Empfängnisverhütung die größte Obszönität dar.

Dank der guten Behandlung ihrer Patientinnen und der 'finanziellen Großzügigkeit' gegenüber Polizisten, Richtern und Politikern konnten Madame Restell und ihr Mann lange Zeit durchhalten, doch schließlich lockte Anthony Comstock sie in eine Falle und ließ sie verhaften. In der Nacht vor der ersten Gerichtsverhandlung schnitt Anna Lohmann sich die Kehle durch.


Kommen Sie zur Auseinandersetzung mit Madame Restell und anderen VorkämpferInnen der Familienplanung ins Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr. Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien. www.muvs.org