NL 2008/05

Reformer des Schwangerschaftsabbruches gestorben

Der Kalifornier Harvey Karman war ein trotziger Erfinder





Auf der ganzen Welt wird eine weiche, biegsame Saugkanüle verwendet, die so dünn ist, dass sie auch bei jungen Mädchen schmerzlos und ohne Narkose in die Gebärmutter eingeführt werden kann - die Karman-Kanüle. Ihr Erfinder, ein kalifornischer Psychologe, ist soeben mit 84 Jahren in Santa Barbara verstorben.

Es dauerte lange, bis Karman sich durchsetzen konnte. Daran war zum Teil seine verschlungene Biografie schuld, zum anderen Teil sein unbändiger Charakter. Aus äusserst zerrütteten Familienverhältnissen stammend, verbrachte er eine unstete Jugend, war Schulabbrecher, diente als GI im 2. Weltkrieg und konnte im Rahmen eines Wiedereingliederungsprogrammes für Soldaten an die Universität gehen, wo er Psychologie und Theaterwissenschaften studierte. Um mit den ärztlichen 'Berufskollegen' mithalten zu können, nannte er sich kurzerhand Dr. phil.

In seiner Studentenzeit in den 1950er-Jahren war der Schwangerschaftsabbruch verboten und daher lebensgefährlich. Eine ungewollt schwangere Kommilitonin beging Selbstmord und eine andere starb an einem verpfuschten Abbruch. Karman begann, sich als Psychologe mit emotionalen Aspekten des medizinischen Abbruches zu beschäftigen. Um Frauen zu helfen, organisierte er einen Beratungsdienst und Abtreibungs-Fahrten nach Mexiko. Doch wegen der hohen Preise und der unzureichenden Betreuung entschloss er sich schließlich, Abbrüche selbst durchzuführen. Für seine verbotenen Aktivitäten wurde Karman mehrfach verurteilt und eingesperrt.

Protest und Widerstand ohne Rücksicht auf sich selbst

Karman kämpfte dafür, dass Frauen frühe Abbrüche gegebenenfalls selbstständig und gleichzeitig sicher durchführen können. Dazu konstruierte er eine weiche und sehr dünne Saugkanüle aus Kunststoff, die billig herzustellen und leicht zu sterilisieren ist. Diese kleine und unscheinbare Erfindung führte zu einer dramatischen Verbesserung der Gesundheit und des Überlebens von Frauen: Aufgrund der Biegsamkeit kommen Perforationen der Uteruswand kaum vor. Im Gegensatz dazu verwendeten Ärzte in den 1970er-Jahren noch immer starre und dicke Metallsonden, deren Anwendung für die Frauen schmerzhaft und gefährlich war. Er selbst berichtete 1972 in einer Fachzeitschrift über 560 Abtreibungen, vorgenommen von 45 Frauen, die eine mehrwöchige 'medizinische Ausbildung erhalten und gemeinsam mit Patientinnen entwickelte Instrumente benutzt hatten'. Nur bei 17 Patientinnen war eine gynäkologische Nachbehandlung erforderlich. Karman ließ seine Erfindung niemals patentieren und trainierte zwischen seinen Verurteilungen Ärzte und paramedizinisches Personal verschiedener Länder im Gebrauch seiner Saugkanüle.

1971 fuhr Karman auf Einladung der Regierung nach Bangladesh, um als Leiter eines fünfköpfigen Teams von Abtreibungsexperten Absaugungen bei Kindern, jungen Mädchen und Frauen durchzuführen, die im Indo-Pakistanischen Krieg vergewaltigt worden waren. Das Team besuchte abgelegene Dörfer und unterwies Hebammen, Ortsvorsteher und jeden anderen, der es lernen wollte, im Gebrauch seiner Saugkanüle.

Durch die Roe-versus-Wade-Grundsatzentscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten (22. Januar 1973) wurde der Schwangerschaftsabbruch automatisch unter das Recht auf Privatsphäre gestellt. Damit war Karmans Kampf in den USA vorläufig zu Ende. Seine Erfindung war im Jahr 1973 bereits in 45 Staaten im Einsatz und wird weiterhin breit genützt. Er suchte weiter nach einfachen Methoden für den Schwangerschaftsabbruch in späteren Stadien, auch hier oft sehr spektakulär und nicht unumstritten.

In den folgenden Jahren reiste er durch Bangladesh, Indien und China, um für Frauenrechte und sichere, einfache Schwangerschaftsabbrüche zu kämpfen.


Kommen Sie zur Auseinandersetzung mit Harvey Karman und anderen VorkämpferInnen der Familienplanung ins Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr. Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien. www.muvs.org