NL 2008/07

"Studieren Sie es am besten gemeinsam mit Ihrem Partner"

Beate Uhses erste Aufklärungsschrift erschien vor 60 Jahren





Vor sechzig Jahren kommt es zum ersten Skandal der Beate Uhse: Auf einer geborgten Schreibmaschine schreibt die junge Witwe ihre 'Schrift X' und lässt im Tausch gegen fünf Pfund Butter eine Erstauflage von 2000 Stück drucken. Darin klärt sie das prüde Nachkriegsdeutschland über sichere und unsichere Tage auf: "Es entsteht für uns ... die soziale Pflicht, die Befriedigung des Sexualtriebes von der Zeugung scharf zu trennen...". Der 1. Juli 1948 ist als erster Tag im Kalender der ältesten erhaltenen 'Schrift X'.

Was genau der Skandal war, lässt sich für uns schwer nachvollziehen. Der Inhalt selbst ist nichts Neues: Fast zwanzig Jahre zuvor hatten der österreichische Gynäkologe Hermann Knaus und sein japanischer Kollege Kyusaku Ogino das Rätsel gelöst, an welchen Tagen des weiblichen Zyklus frau empfängnisfähig ist und wann nicht. Beate Uhse hat dieses Wissen von ihrer Mutter übernommen, die selbst Ärztin ist.

Doch während der nationalsozialistischen Diktatur war Kinderkriegen Bürgerpflicht und Verhütungsmittel wurden verboten. Damit ging auch das Wissen verloren: "Den Leuten waren die Fakten des Lebens unbekannt", erkennt Uhse. In den ersten Nachkriegsjahren ist ein (weiteres) Kind für viele Frauen eine Katastrophe: Viele Männer sind noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, oder sie sind zwar da, haben aber keinen Job. Wer "keine Wohnung, kein Einkommen und keine Zukunft.." hat, will auch keine Kinder und geht deshalb häufig zur Engelmacherin. Die Zahl der Abbrüche wächst sprunghaft. 1950 setzt der Bayrische Ärztetag einen Ausschuss für Schwangerschaftsunterbrechungsfragen zur 'Bekämpfung der Abtreibungsseuche' ein. Allein "..in Bayern hat sich die Zahl der gemeldeten Früh- und Fehlgeburten von 22 000 im Jahre 1948 auf je über 27 000 in den Jahren 1949 und 1950 vermehrt..... jedem Einsichtigen (ist klar), dass die amtlich gemeldeten Früh- und Fehlgeburten nur einen Teil der wirklich durchgeführten Eingriffe zur Herbeiführung eines Abortus darstellen", schreibt das Fachblatt Münchner Medizinische Wochenschrift.

Beeinträchtigt Aufklärung die Ehrfurcht vor der Ehe ?

Die Nachfrage nach Beate Uhses Aufklärungsschrift ist riesengroß: Zum Stückpreis von zwei Reichsmark werden innerhalb eines Jahres 32.000 Exemplare verkauft. Zur selben Zeit bekommt der Lindauer Stadtpfarrer Josef Hirschvogel Redeverbot vom Domkapitel des Bistums Augsburg, denn Vorträge und Publikationen über die Geburtenregelung würden die Ehrfurcht vor der Ehe und dem Geheimnis des Lebens beeinträchtigen. Pfarrer Hirschvogels Vortragszyklus zum Thema 'Naturgemäße Geburtenregelung' hatte scharenweise Zuhörer angezogen.

Hirschvogel kämpft erfolglos gegen das Vortragsverbot: "Glaubt der Frauenbund wirklich, die Kinderfreudigkeit durch Verschweigen der Methode Knaus-Ogino zu heben? Ein Verschweigen wird nur die Naturwidrigkeiten, aber nicht die Geburten vermehren..... Darf die Kirche, die von Gott bestellte Führerin der Menschen, schweigen - aus falsch gesehener pastoraler Klugheit heraus - und die Eheleute einfach ihrer Not überlassen? Das hieße einen Skorpion reichen, wo um Brot gefleht wird."

Skandalös ist also weniger der Inhalt der 'Schrift X' als vielmehr die Tatsache, dass über Verhütung offen gesprochen wird. 23 Jahre später, im Jahr 1971, bricht Beate Uhse ein weiteres Tabu: Gemeinsam mit dem Sexualwissenschafter Günther Hunold veröffentlicht sie den 'Sexual-Atlas für Erwachsene', leicht verständlich, gefühlvoll gestaltet und mit mehr als "130 gestochen scharfen Farbfotos, zum Teil als Großaufnahmen, (die) alle Themen bis ins Detail (illustrieren)... Die Bilder werden für Sie ein unvergessliches Erlebnis sein", schreibt Uhse in ihrem Werbebrief.

Damit nützt Uhse die liberaler gewordene Gesetzgebung. Wenige Jahre zuvor wäre ihr Aufklärungsatlas dem Pornographiegesetz zum Opfer gefallen. Doch trotz dieser juristischen Absicherung hat es Beate Uhse Zeit ihres Lebens mit Gerichten zu tun. In mehr als 2000 Gerichtsverfahren erkämpft sie den weitgehenden Rückzug der Justiz aus der Intimsphäre.

Zeugnisse und Dokumente aus der Alltagswirklichkeit jeweils Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr im Wiener Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien. www.muvs.org

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