NL 2008/08

Abtreibung vor 400 Jahren: Die Alte Meichsnerin und ihre Tochter





Liebe FreundInnen des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch,


ungewollte Schwangerschaften und staatliche Einmischungen sind kein neues Problem. Die Weltliteratur ist voll von entsprechenden Dramen. Auch wer in Bibliotheken und Archiven forscht, wird fündig. Ein Beispiel sehr früher Überlieferung kommt aus dem kleinen Städtchen Zwettl in Niederösterreich (Im Jahr 1576 zählte Zwettl ungefähr 1234 Einwohner). In den Protokollen des Zwettler Stadtrates aus dem Jahr 1606 lässt sich die Geschichte eines Mädchens und seiner Mutter nachlesen, die wegen des Verdachts einer Abtreibung angezeigt wurden.

Es handelt sich um die so genannte Alte Meichsnerin und ihre nicht namentlich genannte Tochter, die als Magd bei Thomas Rechbrunner beschäftigt ist. Es wird gemunkelt, die Mutter soll ihrer Tochter einen Apfel auf eine besondere Weise zubereitet haben, so dass diese 'des grossen bauchs abkhommen' sei. Diese Anschuldigung streiten Mutter und Tochter ab. Es habe sich nicht um eine Schwangerschaftsunterbrechung gehandelt. Vielmehr sei die Tochter krank und geschwollen gewesen, denn sie habe zuviel Schweinefleisch gegessen – noch dazu 'mit Lust' - und dann noch mit viel Wasser nachgespült. Daraufhin sei ihr schlecht geworden und sie habe sogar Fieber bekommen.

Die Therapie dagegen war in einer Boullion eingenommenes Pulver aus Ingwer, Wildem Pfeffer und einem Stück menschlichem Kinnknochen. Zwar räumen beide ein, dass die Tochter 'ir[e] sachen', also ihre Regelblutung schon zwei Monate lang nicht mehr gehabt habe, führen dies aber auf ihre Krankheit zurück.

Den Hintergrund für das Krankheitsbild 'geschwollener Bauch' liefert die 'Viersäftelehre' dieser Zeit: Danach haben Männer einen trockenen warmen Körper, weshalb sich ihre primären Geschlechtsorgane außerhalb befinden. Da Frauen einen kalten und feuchten Köper haben, sind Vagina, Gebärmutter und Eierstöcke zum Schutz im Körperinneren. 'Säfteungleichgewicht' führt zu Krankheit, etwa zu 'Blutstockungen', wobei 'Schleim' und Blut den Bauch aufquellen lassen. Dagegen helfen wärmende, scharfe Gewürze oder Speisen.

Da die beiden Frauen die Anschuldigung entkräften können, weil die durchgeführte Therapie zum Krankheitsbild passt, ist dieser Teil des Falles erledigt. Nun wird Thomas Rechbrunner als Urheber der Gerüchte einvernommen. Er gibt an, er habe Caspar Trumelschlager 'in irem pötth [Bett] ligen' gefunden. Schon davor sei sie wegen 'Unzucht' mit dem Kaplan Hanß Khierch aus einem anderen Ort verurteilt worden.

Die übliche Strafe für 'Unzucht' ist ein Ortsverweis, der nun tatsächlich gegen die junge Frau ausgesprochen wird. Doch auch der Anzeiger kommt nicht so einfach davon: Wegen 'seiner liederlichen und leichtferigen reden' wird er zu einer Haftstrafe im ‚kerker’ verurteilt.

Ob nun wirklich eine Abtreibung stattgefunden hat, ist aus den vorliegenden Quellen nicht mit letzter Sicherheit zu sagen. Der geschwollene Bauch, die fehlende Periode sowie der nachgewiesene Geschlechtsverkehr sprechen dafür. Jedoch kann es sich bei den Schwellungen durchaus um eine Erkrankung des Verdauungstraktes gehandelt haben und auch das längere Ausbleiben der Menstruation können anderweitig erklärt werden: Wegen der häufig knappen Lebensmittelversorgung und dem oft schlechten Gesundheitszustand bekamen Frauen zu dieser Zeit später ihre Periode als heute; zudem blieb die Periode öfter aus.

Wir danken Frau Mag. Cathrin Hermann und Herrn Stadtarchivar Friedel Moll für ihre Expertise zum geschilderten Fall. Der originale Wortlaut aus dem Zwettler Ratsprotokoll ist im Anschluss zu lesen.


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(1600 - 1608)
Den 19 July auffs Rahthaus Sein für gefordert worden die Alt Meichsnerin Im Spittall und Ire Tochter, und verhördt worden weill in der gemain erschollen alß sollte die Alte Irer Tochter einen gebratten apffel also zugericht haben, dardurch sy des grossen Bauchs abkhommen sein.

Die Alt sagt das Mensch sei zu Ir khommen aller Khranckh und geschwollen noch vor dem fasten
marckht, und gesagt sy habs an schweinen fleisch gessen dessen vill und zwar mit mit Lust gessen
hette, und weil sy wasser darein trunckhen müessen, hab sy zu lest ein grausen dran genomben und darüber das füeber bekhommen.

Hab Ir zum ersten Ingber, wilden Pfeffer und ein Pain von eines menschen Kinbackhen einer welschen nuß oder eines daumens große zerstossen geben, welches sy nacher in einer fleisch suppen eingenomben, solches haben Ir die weiber durcheinander gelehrnt.

Über 14 tagen wider in einem gebrattenen Apffel Salver und Khin, Sy hab Ir sachen in 8 wochen nicht gehabt. Ir Tochter sagt, die Mutter hab Ir Ja einen gebratenen apffel gewüertz mit Pfeffer den hab sy
gessen die Schwäherin sei darbey gewesen, Sy wisse nit was Ir die Muetter für ein supp geben, habs in einer Rintsuppen gessen, darauff hab sy sehr geschwitzt und sey besser worden.

Item die andre herzogin hab Ir Salver geben für die huessten gesotten habs trunckhen, Sy hab Ir sachen damaln in 8 wochen nicht gehabt, habs von Schweinen fleisch welches Ir maimb offtermaln gewermbt hab wasser darin Trunckhen bekhommen.

Dem Thomassaen Rechprunner helt herr Stattrichter für Er hab von Im selbst gehört das er gesagt hab in bey sein ettlicher auff der strassen, Sein diern sei khranckh sy hab hin geschirpfft, fragt In ob dem so sei unnd ob ers wisse.

Antwordt er wisse nichts drumb er hab sichs auch auch nicht zuerinnern das ers gesagt hab sy hab
hingeschirpfft. Aber er hab den Caspar Trumelschlager dises händls noch form fasten Marckht
bey seiner diern in Irem Pötth ligen gefunden: der Trumelschlager hab sich gesteld alß schlieff er, die
diern hab er auffhaissen stehn, hab In in die Cammer verspördt biß am morgen frue, da hatt In die diern wider müessen außlassen.

Abschiedt. Weil in dieser sachen nichts lautters fürkhumbt, aber die diern, wie sy auff diß mall der
huererey bezigen wierdt, zu vor mit einem Caplan Hanß Khierch von Cromlaw im Priester heußl unzucht gepflegt welches sy nicht vernaint, So ist sy von der Statt weckh geschafft. Der Thomas Rechprunner aber In den Kheller unnd in die straff erkhendt, wegen seiner liederlichen und leichtferigen reden.


Quelle: StAZ Ratsprotokoll 2/6 (1600 – 1608), fol. 294v – 295v.