NL 2008/10

'Das Weib ist durchaus nicht seiner Natur nach launenhaft.'

Vor 50 Jahren starb Marie Stopes





"Diese Menschen, die einen so starken Sinn für die Rechte der Ungeborenen – ja selbst der noch nicht Gezeugten – haben, sind merkwürdig blind für die Rechte desjenigen Wesens, welches dem Manne das wichtigste sein sollte, der Frau, für deren Glück und Gesundheit er verantwortlich ist."

Marie Stopes (15. Oktober 1880 - 2. Oktober 1958), schottische Autorin, Frauenrechtsaktivistin ('Suffragette') und Pionierin im Bereich der Familienplanung, aus deren Feder das vorstehende Zitat stammt, war eine gebildete und weit gereiste Frau. Nach ihrem Studium von Geologie, Botanik und Geographie am University College in London promovierte sie in München. Ab 1904 lehrte sie als erste Frau Naturwissenschaften an der Universität Manchester.

Ihr Verdienst ist die öffentliche Thematisierung der Geburtenkontrolle in der ehelichen Beziehung sowie der Kampf um das bessere Verständnis weiblicher Bedürfnisse, um die Beachtung der weiblichen Natur und die Kenntnis der physiologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Zu diesen Themen veröffentlichte sie 1918 die beiden Bücher 'Married Love' ('Das Liebesleben in der Ehe. Ein Beitrag zur Lösung der sexuellen Frage', 1927) und 'Wise Parenthood', die in 13 Sprachen übersetzt wurden.

Frauen und Männer sollten gleichermaßen dazulernen: "Das Weib ist durchaus nicht seiner Natur nach launenhaft. Längst hätte man mehr über die Gesetze seines Wesens erfahren können, wenn man nur danach geforscht hätte. Aber es hat den Männern besser in den Kram gepasst, die Frauen als unvernünftig hinzustellen und ihre Launen mit einem Achselzucken spöttisch abzutun."

Und weiter: "Wir haben die Wellenlängen des Wassers, des Schalles, des Lichtes gemessen. Wann werden des Menschen Söhne und Töchter die Gezeiten der Geschlechtlichkeit im Weibe erforschen und die Gesetze erkennen, nach denen das Liebessehnen der Frau periodisch auf- und abschwillt."

Wir aufgeklärte Kinder des späten 20. Jahrhunderts können uns kaum mehr vorstellen, wie notwendig Stopes' Kreuzzug für das Verständnis der weiblichen Seele war. Denn die Verhütungspraxis ihrer Zeit war für unsere heutigen Begriffe katastrophal – für den Mann, aber vor allem auch für die Frau: "Nicht selten üben heutzutage die Ehemänner, aus Furcht vor den Beschwerden der Frau durch ein weiteres Kind und den erhöhten Ausgaben für den Haushalt, das was man den Coitus interruptus nennt: der Mann zieht hart vor der Ejakulation das Glied zurück, in einem Erregungszustand, in dem die Entladung sich dann von selbst vollzieht. ... Von dieser Praxis ist aufs dringendste abzuraten: sie mag die Frau von der Angst vor unerwünschter Nachkommenschaft befreien, aber sie ist nach anderer Richtung für sie sehr schädlich. Sie hat nämlich die Tendenz, die Frau gewissermaßen in der Luft hängen zu lassen; sie bleibt erregt und unbefriedigt."

Um Sexualwissen zu verbreiten gab Stopes das Magazin 'Birth Control News' heraus. Mit ihren Anstrengungen kam sie sowohl der Church of England als auch der katholischen Kirche in die Quere; 1922 verlor sie sogar einen Prozess wegen Verleumdung gegen Dr. Halliday Sutherland, der ihre Popularisierung von Verhütungsmethoden als 'abartiges Verbrechen' bezeichnet hatte.

Stopes hielt Vorträge, schrieb Bücher und Artikel, aber sie begutachtete auch neue Verhütungskonzepte, etwa einen kleinen Stoppel* zum Verschluss der männlichen Harnröhre 'Pin or stud-like apparatus supposed to close the male urethra', den ihr ein Erfinder gezeigt hatte. Sie verurteilte das Konzept scharf: "It appeared to me wholly dangerous and absurd ... I know of no argument against its total condemnation."

1921 eröffnete Stopes mit finanzieller Unterstützung durch ihren Ehemann das erste britische Zentrum für Geburtenkontrolle in London, das zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen in anderen Ländern wurde.

Stopes wird heute oft wegen ihrer Haltung zur Eugenik kritisiert. Sie befürwortete die Sterilisierung von Erbkranken. Die Motive und Überlegungen, die sie dazu führten, sind für uns in der Rückschau schwer zu bewerten, da wir die späteren Auswirkungen derartiger Ansätze zu gut kennen.

Kommen Sie zur Auseinandersetzung mit Marie Carmichael Stopes und anderen VorkämpferInnen der Familienplanung ins Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr. Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien. www.muvs.org

*Der 'Stoppel' zum Verschluss der männlichen Harnröhre ist im Museum ausgestellt.