NL 2004/03

Seasonale-Pille, Nestoron-Hautspray, Forscher Haberlandt, Kath. Kirche (Knaus, Krenn)





Liebe FreundInnen unseres Museumsprojektes,


unser zeitliches Sammelspektrum konzentriert sich vorwiegend auf die letzten 100 bis 150 Jahre, in denen die gewaltigen medizinischen und sozialen Entwicklungen die Gesellschaft tiefgreifend verändert haben. Doch auch die Gegenwart und die Zukunft unseres Themas sollen dokumentiert werden. Deshalb
freuen uns zwei ’futuristische’ Neuzugänge: Die amerikanischen Pille ’Seasonale’, mit der frau ihre Menstruationen auf 4x jährlich reduzieren kann, sowie einen australischen ’Verhütungs-Hautspray’ mit dem Hormon Nestoron. Mit ihrer Hilfe werden wir einen interessanten Bogen von den allerersten Anfängen der Pille bis zu künftigen Darreichungsformen spannen können. Im Konsumentenbewusstsein ist die Pille schon lange kein Arzneimittel mehr sondern ein Gebrauchsgegenstand. Entsprechend
’zeitgeistig’ sind Verpackung und andere Marketingmaßnahmen – wie unsere Neuzugänge deutlich unter Beweis stellen.

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Aber auch über die Anfänge der Pille gibt es Neues zu berichten: mehrere österreichische Wissenschafter haben ganz wesentlich an der Entwicklung der Pille mitgearbeitet, etwa der Innsbrucker Chemiker Univ.-Prof. Dr. Ludwig Haberlandt. Er schrieb 1931: “Das Problem der hormonalen Sterilisierung des weiblichen Organismus, das ich seit 1919 als erster experimentell bearbeitet habe, ist von mir bereits 1924 .... dargestellt worden.... Darin wurde ich umso mehr bestärkt, als in letzter Zeit die Arbeiten betreffs Herstellung eines klinischen Sterilisierungspräparates von seiten einer großen
organtherapeutischen Fabrik so weit fortgeschritten sind, dass die Tierversuche damit äußerst befriedigend abgeschlossen erscheinen und die klinische Prüfung in Bälde beginnen kann...“
Ludwig Haberlandts Sohn Walter – Emeritus des Tübinger Institutes für Anthropologie und Humangenetik – hat uns dankenswerter Weise umfangreiches Material über die bahnbrechenden Versuche seines Vaters zugänglich gemacht.

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Das Spannungsfeld, in dem Verhütung und Abbruch standen und teils noch immer stehen, lässt sich gut mit Stellungnahmen katholischer Kirchenvertreter darstellen.
1953 kommentierte die katholische Kirche die Berechnung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage durch Knaus und Ogino: “Sind .. die Scheu vor den Opfern, die Kinder auferlegen, oder der Hang zu den Freiheiten und den Vergnügungsmöglichkeiten eines kinderlosen Ehelebens oder das Streben, den Lebensstandard der Familie möglichst hoch zu halten, das Motiv (für die
Zeitwahl), dann sündigen solche Eheleute wegen ihrer falschen Grundhaltung und wegen der Missachtung des Sinnes des Ehelebens...Es müssen also gewichtige Gründe vorliegen, damit die Zeitwahl gerechtfertigt ist.“
(aus: 'Die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage der Frau und deren richtige Berechnung, Hermann Knaus, Maudrich, 1953)

Nachfolgend ein Zitat aus der neueren Geschichte:
Der Vatikan meinte 1999, als die UNO 60 000 ’post-rape-parcels’ inklusive der ’Pille danach’ in die Flüchtlingslager in Albanien und Mazedonien schickte: “Die ’Pille danach’ ist ein Tötungsdelikt. Es ist den Frauen im Kosovo, wenn sie vergewaltigt wurden, nicht gestattet, die ’Pille danach’ zu
nehmen.“ Und Bischof Kurt Krenn setzte eifrig nach: “Das unbedingte Lebensrecht des Kindes geht vor, ganz gleich, wie es entstanden ist.“
(zitiert nach 'Der Standard' vom 23. 4. 1999)

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Trotz interessanter Neuzugänge sind wir weiterhin auf der Suche nach Objekten und Leihgaben für das künftige Museum für Schwangerschaftsverhütung und –abbruch: speziell Filme, Plakate, Broschüren, Bücher, Dokumente, Statistiken; Hilfsmittel und Gerätschaften zur Verhütung, zu Schwangerschaftstests und zur Abtreibung. Alles von einst & jetzt, von hier & anderswo.

Sie können uns aber auch durch die Übernahme von Sponserungen für Objekte unterstützen, die wir alleine nicht finanzieren können.