NL 2009/03

Im Rahmen unserer Dokumentation von Leben und Werk des großen österreichischen Gynäkologen Prof. Hermann Knaus stellen wir Ihnen heute einen 'Gegenspieler' vor, der in Zusammenhang mit dem NS-Regime bekannt geworden ist.





Verblendeter Wissenschafter oder charakterloser Karrierist?
Hermann Stieve überprüfte den Eisprung an hingerichteten Frauen


Die Erkenntnisse von Knaus und Ogino über die Regelmäßigkeit der sicheren und unsicheren Tage im Zyklus der Frau wurden noch lange nach ihrer Veröffentlichung 1929/1930 von Fachkollegen 'lebhaft' diskutiert. Einer von ihnen war Hermann Stieve (1886 – 1952), "ein großer Anatom, der durch seine vorbildlichen klinisch-anatomischen Forschungen Grundlagen der Gynäkologie revolutioniert hat". Ein anderes Urteil lautet, Stieve sein "ein führender Anatom der NS-Zeit und zentraler Leichenverwerter der NS-Justiz" gewesen.

Stieve forschte über die Struktur der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, vor allem über das biologische und anatomische Verhalten des Geschlechtszyklus der Frau. Er klärte grundlegende morphologische und physiologische Zusammenhänge der Funktion der Keimdrüse des Menschen auf. Allerdings kam das benötigte Untersuchungsgut - nämlich 'lebendwarme' Organe gesunder junger Menschen – selten auf eine Anatomie. Stattdessen musste er sich von befreundeten Chirurgen mit Operationsmaterial ‚aushelfen’ lassen. Opfer von Hinrichtungen kamen zwar traditionell auf die Anatomie, doch fanden bis zur NS-Machtergreifung nur wenige Hinrichtungen statt.

Ab 1933 wurden vermehrt Todesstrafen verhängt – beispielsweise wegen politischen Widerstandes. Um mit Hilfe dieser Leichen die Lehre von Hermann Knaus und Kyusaku Ogino überprüfen zu können, ließ Stieve die Hinrichtungstermine junger Frauen z.B. knapp vor die Menstruation legen. Dieser Zeitpunkt gilt nach Knaus als 'sicher', weil keine reife Eizelle vorhanden ist. Allerdings fand Stieve bei den Obduktionen der Leichen sehr wohl frisch geplatzte Eizellen, woraus er ableitete, dass die Lehre von Knaus und Ogino falsch wäre.


"Die Anschauung von Knaus.. ist unzutreffend"

Die tatsächlich nachweisbaren Eisprünge waren durch die Todesangst von Verhaftung, Gefängnis, Gerichtsverfahren und Todesurteil zustande gekommen. Zutreffend beschrieb Stieve 1942 'Schreckblutungen', also Blutungen, die unabhängig vom Zyklus rein psychisch ausgelöst sind. Dennoch verwendete er seine Beobachtungen als Gegenbeweis zur Lehre vom gleich bleibenden Ablauf des weiblichen Zyklus.

Außerdem stellte Stieve 1944 die Hypothese auf, dass es 'parazyklische Ovulationen' gibt, die an jedem beliebigen Tag auftreten können: "Anatomische Tatsachen, welche die klinischen Beobachtungen erklären, dass bei der gesunden, geschlechtstüchtigen Frau keine physiologisch unfruchtbare Zeit besteht." Heute erklären wir die hohe Versagerrate von Knaus' Methode durch eine gewisse Verschieblichkeit des Eisprungs innerhalb des Zyklus.

Stieve war kein NSDAP-Mitglied und wird nicht als Sadist oder Verbrecher beschrieben. Dennoch ordnete er seine Ethik dem brennenden wissenschaftlichen Ehrgeiz unter und tat nichts, um Hinrichtungen zu verhindern. Nach rein wissenschaftlichen Maßstäben waren seine Forschungen korrekt, methodisch sauber und ohne Beschönigungen beschrieben. Er verschwieg nicht, an welchen Forschungsobjekten er seine Beobachtungen gemacht hatte. So schrieb er beispielsweise "An den Leichen von 421 durch Gewalteinwirkung Verstorbenen, die in den ersten Stunden nach dem Ableben untersucht wurden, konnte ... eindeutig nachgewiesen werden."

Stieve hat auch an männlichen Hingerichteten geforscht: Etwa über die ‚Einstellung der Samenproduktion aufgrund der Angst nach Mitteilung über den Zeitpunkt der Vollstreckung der Todesstrafe’.

Weil sein Forschungsinteresse nicht (rassen-)ideologisch beeinflusst war, konnte er nach dem Krieg als 'unbelastet' gelten und bis zu seinem Tod Leiter des ersten Anatomischen Institutes und des Anatomisch-biologischen Institutes an der Humboldt-Universität Berlin bleiben. Seine exzellenten Abbildungen der einzelnen Stadien der Eireifung im Eierstock wurden noch lange Zeit in deutschen Lehrbüchern verwendet. Mit seinen Arbeiten zum Ausbleiben von Regelblutung und Libido aufgrund von Einflüssen der Umwelt schuf er Grundsteine für ein psychosomatisches Krankheitsbild: "Ich habe... zeigen können, dass die Tätigkeit der Keimdrüsen bei Mann und Frau nicht nur durch Hormone, sondern in ganz ausgiebiger Weise auch durch das Nervensystem geregelt wird."


Kommen Sie zur Auseinandersetzung mit der Lehre von Knaus-Ogino und anderen Berechnungsversuchen ins Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr. Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien. www.muvs.org


Quellen:
Werner Götz (1986), zitiert nach ‚Die Charite im Dritten Reich’, Seite 105
Ernst Klee (2003), zitiert nach ‚Die Charite im Dritten Reich’, Seite 105
Hermann Stieve: Zentralblatt für Gynäkologie 1944 Jul, Nr. 7: S. 257-272