NL 2009/05

"Verhindern lässt es sich leider nicht"

Das Rechenrad zur Ermittlung der sicheren und unsicheren Tage wirbelte Staub auf





"Wer heute noch daran zweifelt oder gar in Abrede stellt, dass für die wirtschaftliche Selbsterhaltung vieler Menschen eine Geburtenregelung notwendig geworden ist, ist kein Arzt und steht dem Leben in der zivilisierten Welt und seinen gegenwärtig schwierigsten Problemen vollkommen verständnislos gegenüber", schreibt in den 1930er-Jahren der österreichische Gynäkologe Hermann Knaus, und argumentiert, dass die Menschen leicht für sich selbst einsetzen könnten, was sie an ihren Haustieren schon längst nutzten: Die Fortpflanzungsfähigkeit ist auf wenige Tage beschränkt.

Anhand von Knaus' wissenschaftlichen Arbeiten und mit seiner Unterstützung entwickelt Heinrich Heyssler aus Stübing den so genannten Konzip- oder Ehekalender zur einfachen Berechnung der sicheren und unsicheren Tage und "wendete (sein) ganzes und sehr geringes Vermögen für die Patentierungen und die Erzeugung der 1. Auflage auf." Er kann es allerdings nicht in den Handel bringen, weil die Apotheken und Drogerien eine amtliche Genehmigung für den Verkauf dieses Rechenbehelfs haben wollen. Jedoch fehlt es dafür an rechtlicher Basis und wohl auch an Mut. "Weil dieser Kalender weder als ein Heilmittel noch als therapeutischer und prophylaktischer Behelf und auch nicht als Droge oder Materialware aufzufassen ist", kann keine Behörde den Verkauf in Apotheken und Drogerien erlauben oder verbieten. Außerdem "erscheinen Apotheken oder Drogerien zum Vertrieb von derartigen theoretischen Aufklärungen nicht berufen."

Die Korrespondenz zwischen Heyssler, Knaus und den Beamten aus den 1930er-Jahren gleicht einem Eiertanz, weil keine Behörde zuständig ist, aber jede Bedenken anmeldet: Die Apothekerschaft will sich absichern, das Wiener Apotheken-Hauptgremium kann es nicht entscheiden und die Bundesministerien für Volksgesundheit und für soziale Verwaltung haben keine Handhabe.
"Aus den derzeit für das Apothekenwesen geltenden Vorschriften kann ein Grund für die Untersagung ... nicht abgeleitet werden.."

Aber vielleicht stellt der Konzip-Kalender ja ein 'Preßerzeugnis' dar, das über den Buchhandel zu vertreiben oder zu untersagen ist. Was soll man bloß von diesem Kalender halten? "Schließlich wird darauf aufmerksam gemacht, dass die dem Kalender zugrunde gelegt Theorie unter den medizinischen Fachautoritäten.... keine ungeteilte Aufnahme gefunden hat." "Die Bewilligung der Abgabe eines derartigen ärztlichen Rates in schriftlicher Form durch Apotheken und Drogerien und allenfalls auch andere Geschäfte erscheint aber doch grundsätzlich und prinzipiell sehr bedenklich."


"Von den unsicheren Methoden der Konzeptionsverhütung erlösen"

Die positiven Stimmen der behördlichen Gutachter sind rar: "Einwänden, welche in sozialer, bezw. bevölkerungspolitischer Hinsicht etwa geltend gemacht würden, dürfte wohl mit dem Hinweis darauf begegnet werden, dass – wie auch in der vorliegenden Eingabe bereits angedeutet – der fragliche Kalender nicht nur einen Weg zur Konzeptionsverhinderung angebe, sondern auch im positiven Sinne Verwendung finden könnte."

Der Patentinhaber muss wiederholt mit Schwierigkeiten kämpfen, doch nützt ihm letztlich, "dass die Katholische Kirche sich in ihrer kirchlichen und pastoralmedizinischen Literatur in sehr günstigem Sinne mit der Entdeckung des Herrn Prof. Knaus und mit dem Konzip-Kalender befasst, was zur Folge hat, dass von vielen Pfarrämtern und Seelsorgern bereits grössere Bestellungen gemacht wurden."

Ein weiteres Hilfsmittel ist das 'Zeugungsbarometer' von Hans Peschka aus Aussig an der Elbe. Im Umgang mit den Behörden erlebt er ähnliches: Man kann ihm die Einfuhr weder erlauben noch verbieten. So bietet beispielsweise die Zollvollzugsanweisung vom 20. Juni 1920 keine Handhabe, wie bedauernd festgestellt wird: "Ein derartiges Hilfsmittel kann nicht unter jene Mittel eingereiht werden, bezüglich deren ... Einfuhr Beschränkungen und Verbote“ möglich sind." "Auch die Erlassung eines besonderen Einfuhrverbotes aus gesundheitlichen Gründen ... ist ... nicht möglich."

Doch Knaus ist ein Kämpfer und setzt sich letztlich durch. 1934 schreibt er an das Bundesministerium für soziale Verwaltung: "... um die Menschen von allen bisher üblichen, gesundheitsschädlichen und trotzdem unsicheren Methoden der Konzeptionsverhütung zu erlösen und insbesondere die Frauen vor den daraus erwachsenden Gefahren der Fruchtabtreibung zu bewahren... ist (es) hoch an der Zeit, dieser üblen Erscheinung im Fortpflanzungsleben des Menschen wirksam entgegenzutreten, woran sich in erster Linie der Staat und die Ärzteschaft zu beteiligen haben. Diesen beiden Körperschaften obliegt es, die letzten Errungenschaften der medizinischen Wissenschaft zur Sicherung des körperlichen Wohles des Volkes heranzuziehen und in diesem Falle vor allem den Frauen die notwendigen Aufklärungen über die fortpflanzungsphysiologischen Besonderheiten des weiblichen Körpers zukommen zu lassen."


(Quelle: Archiv der Republik, Karton 2349)

Kommen Sie zur Auseinandersetzung mit der Lehre von Knaus-Ogino und anderen Berechnungsversuchen ins Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr. Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien. www.muvs.org