NL 2009/06a

Menschenrecht auf Selbstbestimmung

Die Feministin Emma Goldman wurde vor 140 Jahren geboren





Der weltanschauliche Hintergrund der KämpferInnen für Geburtenregelung und Familienplanung könnte unterschiedlicher nicht sein: Wir finden soziale Motive, wirtschaftliche Überlegungen, medizinische Fürsorge, Frauenrechte, Menschenrechte... Für jedes dieser Motive lassen sich mehrere Namensbeispiele anführen. Politische Beweggründe, speziell Anarchie, waren/sind häufig mit der Forderung auf Freigabe von Verhütung und Abbruch verbunden, weil sie ein Recht des Staates auf Bestimmung über diese individuellen Bedürfnisse verneinen.

Emma Goldman (27. Juni 1869 – 14. Mai 1940) war eine dieser Anarchistinnen und wandte sich ganz allgemein gegen jegliche Ausübung von Macht und Unterdrückung, etwa in Privatbesitz, Sklaverei, Lohnausbeutung, Religion, Ehe, Staat und Militär. Durch ihre Teilnahme an einer Pariser Konferenz, auf der Kondome und andere Verhütungsmittel diskutiert wurden, waren ihr die Möglichkeiten der Geburtskontrolle vertraut. Sie sah darin ein Instrument, das menschliche Elend zu lindern, das durch die Last der großen Familien entstand. Frauen aller Klassen sollte sexuelle Freiheit offen stehen, sie sollten ein Verweigerungsrecht gegenüber (weiteren) Kindern haben und sich offen zu ihren Wünschen äußern können, auch wenn sie den herrschenden Vorstellungen widersprachen.

Goldman wurde in Litauen geboren und wuchs sowohl im Russischen Reich als auch im preußischen Königsberg auf. Zuerst arbeitete sie als Korsettmacherin in einer Fabrik, in der sie mit den Ideen und Arbeiten revolutionärer Anarchisten in Kontakt kam. Als Siebzehnjährige übersiedelte sie nach Rochester, New York, wo sie ebenfalls in einer Textilfabrik arbeitete und 1887 ihren Arbeitskollegen Jacob Kershner heiratete, um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Den konkreten Anstoß für Goldmans anarchistische Tätigkeit brachte im Jahr 1886 die Hinrichtung von vier Anarchisten nach der Haymarket Affäre - gewalttätigen Auseinandersetzungen im Zuge der Entstehung der amerikanischen Arbeiterbewegung.


Verhütung statt Abbruch

Ihr Eintreten für Verhütungsmittel brachte Goldman im Jahr 1916 eine Verhaftung wegen Verletzung des Comstock-Gesetzes ein. Der US-Politiker Anthony Comstock (1844 – 1915) war ein glühender Verfechter der Viktorianischen Moralbegriffe und witterte überall Verstöße; jede Information über Geburtenkontrolle galt demnach als illegal, obszön, unzüchtig und wollüstig. Das nach ihm benannte Gesetz wurde erst 1936 außer Kraft gesetzt.

Aus eigenen Erfahrungen als Hebamme und Krankenschwester erlebte die Feministin Goldman, mit welchen verzweifelten Methoden Frauen die Geburt weiterer Kinder verhinderten, die sie (ebenfalls) nicht ernähren konnten. Goldman wurde angefleht, Abbrüche vorzunehmen, weigerte sich aber, weil sie stattdessen an den sozialen Wurzeln ansetzen wollte. Daher kämpfte sie für die Geburtenkontrolle als positive Alternative.

Ihre Auffassungen verbreitete Emma Goldman in einer Vielzahl von Vorträgen und einer Reihe von Aufsätzen und Büchern. Von 1906 bis 1916 veröffentlichte sie die Zeitschrift 'Mother Earth' (Mutter Erde), die sich mit anarcho-feministischen Inhalten befasste. Aufgrund ihrer Agitationen war sie dreimal im Gefängnis. 1940 starb sie in Toronto, Kanada.


Kommen Sie zur Auseinandersetzung mit den VorkämpferInnen der Familienplanung ins Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr. Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien. www.muvs.org