NL 2009/09a

"Tausende müssen so sterben ... in Todesangst ... hilft uns denn niemand?"

Vor 80 Jahren wurde Friedrich Wolfs Theaterstück 'Cyankali' uraufgeführt





"Gehen Sie nicht dahin, Mädchen, wo man Ihnen Cyankali gibt oder mit Schmierseife spritzt, oder wo man Sie mit einem unsauberen Instrument verletzt, wo Sie dann im Kindbettfieber in Krämpfen sterben, gehen Sie nicht dahin, ich warne Sie!"

Vor genau 80 Jahren wurde das Theaterstück 'Cyankali' im Berliner Lessingtheater uraufgeführt – und sofort zum Skandalerfolg. Der Arzt und Dramatiker Friedrich Wolf beschreibt darin die täglichen Dramen der 1920er-Jahre kurz vor der Weltwirtschaftskrise; nachzulesen in den Tageszeitungen dieser Zeit: 500.000 bis 800.000 Abtreibungen pro Jahr in Deutschland, daraus 10.000 Todesfälle und 50.000 Erkrankungen. Diese hohe Zahl ist das Resultat des Verbotes von Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbruch in Verbindung mit unerträglicher Armut, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot: Eine vierköpfige Arbeiterfamilie hatte in der Regel gerade einmal anderthalb Zimmer zur Verfügung.

Der Heizer Paul wird von der Polizei gesucht, weil er während der Arbeitskämpfe die Werkskantine aufgebrochen hat, um Frauen und Kinder der ausgesperrten Arbeiter mit Nahrung zu versorgen. Auch seine Freundin Hete hat ihre Anstellung verloren; gerade in dieser Krise erfährt sie, dass sie schwanger ist. Ein Kind können sie sich nicht leisten, haben sie doch selbst nichts zu essen. Hete bittet einen Arzt um Hilfe, der sie mit dem Hinweis auf das Abtreibungsverbot wegschickt. In ihrer Not sucht sie eine Engelmacherin auf und erhält 'ein Mittel': "Komm her, ich geb dir was. Nimmst Du fünf Tropfen. Fünf Tropfen am Tag, verstehst Du? Fünf Tropfen, nicht mehr. Das ist nämlich eigentlich Gift, verstehst du? Aber in schwachen Lösungen, da hilft es. Cyankali."

Die verzweifelte Tat geht tragisch aus – Hete stirbt und ihre Mutter wird von der Polizei abgeführt.

Friedrich Wolf (1888 – 1953) leitete mit diesem Drama eine vehemente Diskussion über das Verbot der Abtreibung ein. Das Stück wurde verfilmt und sogleich mit Zensurbescheiden belegt (www.deutsches-filminstitut.de/filme/f015298.htm).
Wolf wurde sogar selbst verhaftet und der gewerbsmäßigen Abtreibung beschuldigt. Allerdings musste er wegen starken öffentlichen Druckes und der Unterstützung berühmter Kollegen, wie Bert Brecht und Carl von Ossietzky, gegen Kaution wieder freigelassen werden. Seit 1918 war er Mitglied im Dresdner Arbeiter- und Soldatenrat und engagierte sich als Arzt für die medizinische Versorgung der einfachen Bevölkerung. Seit 1928 war er Mitglied der KPD und des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Im Frühjahr 1932 gründete er in Stuttgart den 'Spieltrupp Südwest', eine kommunistische Agitprop-Spieltruppe aus Laiendarstellern, die in hoher künstlerischer Qualität Agitationsstücke zu aktuellen Themen aufführte.

Wolf ist nicht der einzige, der die Abtreibungsnot dieser Zeit künstlerisch verarbeitete: 1930 wurde in Berlin das Theaterstück '§218. Gequälte Menschen' des sozialistischen Arztes Carl Crede inszeniert, das Theaterplakat dazu stammte von der Lithografin und Malerin Käthe Kollwitz. Auch der kommunistische Künstler Conrad Felixmüller setzte die Thematik mit grafischen Mitteln um. Von Max Klinger stammt eine Radierung 'Die Schande', von Jeanne Mammen 'Die Kindsmörderin'.

Mit Beginn des NS-Regimes wurde die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruches jäh gestoppt und das Pendel schlug ins Gegenteil um. Die Befürworter einer Lockerung erhielten Berufsverbot und wurden verfolgt. Der Film Cyankali wurde verboten; Wolf emigrierte nach Moskau. Gegen Engelmacherinnen wurde die Todesstrafe ausgesprochen und noch bis knapp vor Kriegsende vollzogen.


Kommen Sie zur Auseinandersetzung mit Friedrich Wolf und anderen VorkämpferInnen der Familienplanung ins Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr. Mariahilfer Gürtel 37, 1150 Wien. www.muvs.org