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1962: Wie haben die Großeltern verhütet?

Diese Frage hat mich auch bewegt und da ich selber keine lebenden Großeltern mehr hatte, habe ich eines Tages meine Arbeitskollegin gefragt.

Zur Erläuterung der Geschichte: Ich selbst bin 1960 geboren und habe fünf jüngere Geschwister. Wir sind in Brüssel (Belgien) aufgewachsen als Kinder eines flämischen Vaters und einer österreichischen Mutter. Unsere Mutter war Krankenschwester. Nach dem zweiten Kind (Sohn, 1962) musste sie ihren über alles geliebten Beruf aufgeben und wurde gegen ihren Willen Hausfrau. Das dritte Kind folgte bald (Tochter, 1963). In der Folge hatte sie dann 1964 und 1966 zwei Fehlgeburten, aber 1967 (Tochter), 1969 (Tochter) und 1972 (Sohn) wurden dann noch die drei jüngeren Geschwister geboren.

Als Hausfrau und Mutter ist uns unsere Mutter großteils nur gestresst, überfordert, grantig, nervös und gewalttätig in Erinnerung. Sie hat uns oft geschlagen. Sie hat oft gesagt, wegen uns hätte sie ihren Beruf aufgeben müssen. Sie hat oft von Selbstmord geredet (oft als ‚Strafe’ für uns) und ähnliche Aussagen, die wir als Psychoterror erlebt haben.

Als ich dann im Gymnasium von Verhütung hörte, fragte ich meine Mutter, warum sie denn so viele Kinder bekommen habe, sie hätte ja verhüten können. Meine Eltern waren zwar nur am Papier katholisch, aber meine Mutter meinte irgendwie ‚das sei Sünde’. Aber genau konnte oder wollte sie es mir nicht begründen. Ab 1962 hatte es in Belgien, soviel ich weiß, die Pille schon gegeben. Und eine ausgebildete Krankenschwester müsste doch auch wissen, was Familienplanung ist, oder?

Mein Vater war leitender Angestellter (d.h. auch nicht blöd), doch der meinte immer, er hätte sich immer viele Kinder gewünscht, es war mit der Mama so ‚ausgemacht’. Er selber war acht Jahre lang ein Einzelkind gewesen, bis seine einzige Schwester geboren wurde. Seine Mutter wurde von meiner Mutter einmal voller Abscheu als ‚Abtreiberin’ bezeichnet. Damals konnte ich mir nichts darunter vorstellen.

Nun zu meiner Arbeitskollegin: Sie wurde Ende 1944 geboren und ist immer ein Einzelkind geblieben. Ihre Mutter ist Jahrgang 1922 (lebt noch), ihr Vater war ein paar Jahre älter (er ist schon gestorben). Ihre Mutter war bis zur Geburt der Tochter in einem Büro angestellt, doch nachher ihr ganzes Leben Hausfrau.

Als ich 1997 (sehr spät) mein erstes Kind bekam, redeten meine Kollegin und ich viel über Fortpflanzung, Verhütung etc. Sie selbst hatte ebenso spät wie ich (1982, d.h. mit 37) einen Sohn bekommen, doch sie musste ihn als Alleinerzieherin großziehen.

Als ich sie damals fragte, warum sie selber denn ein Einzelkind sei, sagte sie, sie hätte keine Ahnung, aber sie wolle ihre Mutter fragen. Am nächsten Tag meinte sie, ihre Mutter, sei sehr erstaunt über die Frage gewesen und hätte nur zögerlich geantwortet: "wir haben verhütet, weil wir uns ausgerechnet haben, dass wir uns ein zweites Kind nicht leisten können. Wir wollten nicht in Armut abgleiten".

Als ich dann weiterfragte, ‚wie’ ihre Eltern denn verhütet hätten, konnte meine Kollegin sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter diese Frage je beantworten würde. Doch offensichtlich fühlte sich ihre Mutter ‚geehrt’ über das Interesse und war (zu Recht) auch stolz auf ihre damalige vernünftige Einstellung, sodass sie die Frage doch beantwortete.

Die alte Dame (wie gesagt Jahrgang 1922) antwortete, dass Kondome nach dem Krieg sehr teuer gewesen seien. Und außerdem sei es in den Apotheken sehr beschämend gewesen, Kondome zu kaufen, wenn andere Kund(inn)en anwesend waren. Daher habe sie mit ihrem Mann folgendes ausgedacht :

In Woche 1 geht sie zu Apotheke A und kauft ein sündteures Kondom ‚für's Wochenende’
In Woche 2 geht er zu Apotheke B und kauft detto
In Woche 3 geht sie zu Apotheke C und kauft detto
In Woche 4 geht er zu Apotheke D und kauft detto
usw. (d.h. alles wieder von vorne)

D.h. Sie ging nur alle 4 Wochen in Apotheke A (und wahrte in ihren Augen somit ihr ‚Image’) und alle 4 Wochen in Apotheke C

Detto ihr Mann: Er ging nur alle vier Wochen in Apotheke B und alle vier Wochen in Apotheke D und glaubte so ein Image als ‚triebhafter Mensch’ zu verhindern.

Meine Kollegin war über die Antwort ihrer Mutter genauso überrascht wie ich. Im Nachhinein finde ich es immer noch ein Stück wertvoller mündlicher Überlieferung und man/frau sollte viel mehr solcher alter Menschen befragen !!!

Fazit: ‚gebildetere’ Leute (meine Eltern) waren in den 60er Jahren zu blöd oder zu feig oder zu sehr von althergebrachten Moralvorstellungen geprägt um zu verhüten, während ‚einfachere’ Leute schon in den 40er und 50er Jahren ‚gescheit’ genug waren, verantwortungsvoll Familienplanung zu betreiben.

Barbara K., Wien, April 2005