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1963: Zum Beispiel Ursula U.

Ein Bericht aus der Schweiz

Ursula U. ist eine jener Frauen, die bei meinem Vater eine Schwangerschaft abbrechen liessen. Ich erfuhr dies zufällig, als ich während der Abstimmungskampagne 2002 ihre Bekanntschaft machte. Ihre Erlebnisse gingen mir besonders nahe, weil sie den gleichen Jahrgang hat wie ich. Ich bat sie später um ein Gespräch. Sie empfing mich in ihrem gemütlichen, geschmackvoll und farbenfroh eingerichteten Heim, umgeben von einem Garten voller Wildblumen. Die 65-Jährige strahlt Lebensfreude und Selbstsicherheit aus, während sie mir ihre Geschichte erzählt.

Mit 21 Jahren heiratete Ursula, als sie schwanger geworden war – durch Petting! Eine Liebesheirat. Ihren Mann hatte sie schon Jahre zuvor kennen gelernt. Ihre zukünftige Schwiegermutter wollte sie nach Mailand bringen zur Abtreibung: Eine so frühe Heirat und dazu bereits ein Kind, das verbaue die Zukunft ihres Sohnes, befürchtete sie. Ursula weigerte sich. Sie freute sich auf das Kind. Mit äusserst geringen finanziellen Mitteln und unter rigorosen Sparanstrengungen bauten sie und ihr Mann den kleinen gemeinsamen Betrieb auf.

Bereits drei Monate nach der Geburt der Tochter war Ursula schon wieder schwanger. Weder die von der Ärztin verschriebenen Scheidenzäpfchen, noch das regelmässige Temperaturmessen hatten etwas genützt. „Ich war einfach furchtbar fruchtbar“, erzählt sie lachend.
Als sich vier Monate nach der Geburt der zweiten Tochter schon wieder eine Schwangerschaft einstellte, war Ursula am Ende ihrer Kräfte. Sie rannte von Arzt zu Arzt und bat um Hilfe. Erfolglos – 1960 kam in Luzern ein Schwangerschaftsabbruch nicht in Frage. Sie konsultierte einen Psychiater in Zürich. Aber auch dort bekam sie nichts als Moralpredigten und Demütigungen zu hören.

Mit Hilfe eines Berner Bekannten ihres Mannes ‚inszenierte’ sie dann einen Abgang: „Man besorgte sich einen Katheter und eine langhalsige Glasflasche. Die Flasche liess man mit einem glühenden Draht entzwei springen. Die scharfkantigen Bruchränder überklebte man mit Heftpflaster. Flasche und Katheter wurden 15 Minuten lang ausgekocht. Ich musste mich gründlich innerlich und äusserlich waschen. Der Abtreiber seifte sich 10 Minuten die Hände. Dann führte man den Flaschenhals in die Scheide ein. Durch den Flaschenhals konnte man den Muttermund wie durch das Spekulum eines Gynäkologen genau sehen. Der Katheter, ein weiches Plastikschläuchlein, wurde nun sanft durch den Muttermund ca. 4 cm in die Gebärmutter gestossen. Mit einem sterilen Tuch und einer eng sitzenden Unterhose versehen musste ich dann marschieren, mich bewegen, bis Periodenkrämpfe und eine Blutung einsetzten. Mit der Blutung, die einer etwas stärkeren Periodenblutung ähnelte, ging die Frucht ab, die ich trotz Suchens übrigens nie finden konnte bei meinen Abtreibungen in der sechsten bis achten Woche. Das war eigentlich alles recht einfach, und ich glaube nicht, dass das wirklich gefährlich war.“

Nun versuchte sie mit einer selbst fabrizierten Spirale, die sie sich durch einen Arzt einsetzen liess, zu verhüten. (Als Zahntechnikerin hatte sie schon früher solche Spiralen aus Zahngold im Auftrag dieses Arztes hergestellt.) Aber auch diese Verhütungsmethode versagte. Noch etwa zwei Mal provozierte sie in der Folge mit Hilfe ihres Ehemannes einen Abort, so wie sie es gelernt hatte. 1962 gebar sie ihre dritte Tochter. Nun wollte sie sich unterbinden lassen. Sie sei mit 25 Jahren dazu viel zu jung, bei Frauen unter 30 Jahren sei das in der Schweiz nicht zulässig, wurde ihr beschieden. – Was natürlich nicht stimmte, denn es gab auch damals kein Gesetz über die Sterilisation.

„Sie sind kein Luder“
Nach 11 Monaten war sie wieder schwanger. Aber diesmal wollte die Selbsthilfe-Abtreibungsmethode nicht funktionieren. Die Frau des Berner Bekannten nannte ihr einen Gynäkologen in Bern, der ‚so etwas mache’. Also wandte sie sich an diesen Arzt. Er überwies sie an einen Psychiater zur Begutachtung. Diese empfand sie als demütigende Fertigmacherei und Heuchelei. Aber sie erhielt ein ‚positives’ Gutachten, da sie drohte, sonst selbst abzutreiben. Weil der Gynäkologe an der Privatklinik, wo er operierte, auf 6 Operationen jedoch nur 1 Schwangerschaftsabbruch vornehmen durfte, überwies er sie zum Eingriff an meinen Vater.

Sie sei von meiner Mutter und meinem Vater sehr freundlich und warmherzig empfangen worden. Der kurze Eingriff sei unter Lokalanästhesie durchgeführt worden und fast schmerzlos verlaufen. Nachher habe ihr meine Mutter Kaffee serviert und sich zu ihr gesetzt und ihr beruhigend zugeredet: Sie wisse sehr wohl, dass Frauen wie Ursula keine leichtfertigen Luder seien. Wie eine Mutter sei sie zu ihr gewesen, erzählt Ursula. Und der Preis sei ihr sehr bescheiden vorgekommen.

Tags darauf wurde sie durch den Berner Gynäkologen in der Privatklinik unterbunden. Dort machte ihr das Pflegepersonal moralische Vorwürfe. Aber Ursula war dankbar, dass alles vorbei war und hat nie etwas bereut. Nein, sie sei nicht katholisch und auch nicht praktizierende Protestantin, antwortet sie auf meine Frage. Aber sie liebe die Natur und glaube an die Schöpfung.

Bei den selbst provozierten Abtreibungen sei vor allem die Angst schlimm gewesen, erwischt zu werden, falls doch etwas schief gehen sollte, weil das ja strafbar war. Sie habe sich vorher immer zurecht gelegt, was sie als Erklärung sagen würde, sollte sie sich in ärztliche Behandlung begeben müssen. Das bei den Eingriffen benutzte Spekulum, das sie sich inzwischen beschafft hatte, versteckte sie jeweils in einer Büchse mit Milchpulver, für den Fall dass es zu einer Hausdurchsuchung kommen sollte. Wenn bei ihr wieder einmal eine Schwangerschaft festgestellt wurde, wechselte sie jeweils den Arzt, weil der ja sonst verfängliche Fragen hätte stellen können, wo sie denn geboren habe, oder so.

Ursula hat später immer mehr durch Freundinnen, Bekannte und Verwandte erfahren, dass diese Art, ‚Abgänge’ zu provozieren, massenhaft praktiziert wurde. Sie kennt keine Frau, die das als Mord empfunden hätte. Wenn die Schwangerschaft nicht mehr als zweieinhalb Monate bestand, empfanden sie es vielmehr als erzwungene Periodenblutung.

1985 kam in der Schweiz die Volksinitiative ‚Für das Recht auf Leben’ zur Abstimmung. Ursula fürchtete, die Initiative mit dem irreführenden Titel habe Chancen angenommen zu werden, wenn sich die Frauen nicht solidarisch dagegen stellten. Also kämpfte sie bei Standaktionen und in der Presse, indem sie öffentlich zu ihren Abtreibungen stand. Als Einwohnerrätin einer katholischen Gemeinde und Geschäftsfrau eines inzwischen ansehnlichen Gewerbebetriebes brauchte das damals recht viel Mut. „Ich hoffte, so einen Beitrag zu leisten, damit diese unmenschliche Initiative kräftig verworfen werde. Mein Schicksal sollte sich nicht wiederholen“. Sie hat viele positive Reaktionen erhalten. Ursula hat sich auch im Jahr 2002 in der Schweizer Kampagne für die Fristenregelung stark engagiert.

Aus dem Kapitel 'Mein Vater, Frauenarzt in Burgdorf' im Buch 'Die Erzengelmacherin - das 30-jährige Ringen um die Fristenregelung. Memoiren'
von Anne-Marie Rey, erschienen 2007 im Xanthippe Verlag, Zürich

[Buchhinweis](http://www.svss-uspda.ch/de/erzengelmacherin.htm)