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2007: Meine Großmutter war Engelmacherin

Meine Großmutter E. war Jahrgang 1906. Ich wurde 1946 geboren. Als ich sechs Jahre alt war und eingeschult wurde, ließen sich meine Eltern scheiden und gaben mich zu meiner Großmutter und ihrem 2. Mann, meinem Stiefgroßvater, einem Lastwagenfahrer. E. war sehr gepflegt, dominant und zu diesem Zeitpunkt Mitte Vierzig. Ursprünglich war sie Weißnäherin, wurde mit ihrem 1. Mann ‚verkuppelt’, dessen Vater Bürgermeister war. Die Ehe hielt allerdings nicht. Während des Krieges betrieb sie Schleichhandel, wofür sie auch einmal eingesperrt wurde. Ebenfalls während des Krieges erhielt sie eine Ausbildung zur Rot-Kreuz-Schwester, was aber nicht gleich bedeutend mit diplomierter Krankenschwester war.

Als ich etwa sieben Jahre alt war, lernte meine Großmutter den drogenabhängigen Gynäkologen Dr. S. kennen (in der Familie wurde er ‚Dr. Mabuse’ genannt), der öfter in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung war und dort Curettagen und Einleitungen vornahm. E. assistierte ihm.

Als er gestorben war, machte sie auf eigene Faust weiter. Die Frauen kamen zum Abbruch in die Wohnung und wurden anschließend in die Ehebetten gelegt, bis sie nach Hause gehen konnten. Ich erinnere mich, dass ich einmal durch die offene Tür hineinschauen konnte und 4 Frauen in den beiden Betten lagen.

Ich wusste von den Abbrüchen ungefähr seit ich elf Jahre alt war. Ich fand es sehr unheimlich und irgendwie verboten. Es schreckte mich, weil aus Angst vor der Polizei immer alles weggeräumt werden musste. E. hatte auch meine Mutter angelernt und ich selbst sollte es auch lernen als ich 15 oder 16 war, war dafür aber nicht geeignet: Ich sollte einer Frau die Hand halten, die zur Einleitung kam. Währenddessen führte meine Großmutter den Katheter ein. Als Fruchtwasser heraus kam, fiel ich um, obwohl gar kein Blut zu sehen war.

Das Abbruchgeschäft war sehr einträglich. Die Familie lebte sehr gut, besaß früh ein eigenes Telefon, eine Waschmaschine, ein Auto, einen Fernseher.... Großmutter ging gerne ins Casino, sie war eine kontrollierte Spielerin. Die Wohnung hatte sie 1938 ‚übernommen’. Es waren noch teilweise schöne Möbel und ein paar alte Silbergegenstände vorhanden. Außerdem gab es in dieser Wohnung schon ein eigenes Klo. Meine Großmutter und meine Mutter gingen overstyled, kamen sich als etwas Besseres vor. Wir waren angesehen, aber die Leute blieben auf Distanz. In der Schule wusste niemand etwas über das ‚Geschäft’ meiner Großmutter. Ich wurde aber von Schulkolleginnen und Freundinnen für meine Kleidung, Schuhe, Geschenke etc. beneidet.

Um sich vor der Polizei zu schützen, durfte keine Frau ihrem Mann vom Eingriff erzählen und ihn auch nicht mitbringen. Dennoch wurde sie verraten und es kam zu Hausdurchsuchungen. Großmutter E. kam auch in Untersuchungshaft. Zweimal wurde sie für jeweils 18 Monate eingesperrt. Einmal als ich etwa 13 oder 14 Jahre alt war. Während dieser Zeit wohnte ich bei meinen Vater.

Meine Mutter wohnte zuerst in einem schönen Haus, das Dr. S. gehört hatte. Dafür hätte sie aber seine behinderte Tochter pflegen müssen. Das wollte sie nicht und zog in eine Gemeindewohnung, wo sie dann die Abbrüche in den Wohnungen der Frauen durchführte. Auch für sie war es sehr einträglich. Als ich ca. 16 Jahre alt war, kamen sowohl meine Mutter als auch meine Großmutter wegen Abbrüchen ins Gefängnis. Weil meine Mutter ‚nicht vom Fach’ war (sie war eigentlich Friseurin), bekam sie eine höhere Strafe, nämlich 2 Jahre, die sie in der Frauenstrafanstalt Schwarzau verbüßte. Bei der Entlassung sagte die Direktorin zu ihr, sie würde sie sicher bald wieder sehen. Doch meine Mutter hatte ihren Stolz und eine höhere Bildung als die Großmutter und sagte, sie würde sicherlich niemals wieder im Gefängnis landen. Tatsächlich führte sie nie wieder Abbrüche durch, sondern wurde Kunstblumenbinderin, obwohl sie dabei viel weniger verdiente.

E. war forsch und nicht einfühlsam, aber sehr sorgsam und kannte sich gut aus. Sie erklärte den Frauen, dass sie sich mit dem Katheter viel bewegen müssten. Beim Abgang sollten sie nicht aufs Klo gehen sondern auf einen Kübel mit ein bisschen Wasser drin, damit man gut sehen kann, ob alles vollständig abgegangen ist. Sie rief die Frauen nach dem Einsetzen des Katheters an und erkundigte sich, ob der ‚Himbeersaft’ schon gekommen sei. Notfalls besuchte sie die Frauen zu Hause; falls Fieber auftrat, schickte sie sie ins Spital. E. hatte niemals einen ernsthaften ‚Betriebsunfall’. Bei Schmerzen gab sie manchmal einen Thermophor.
Bei meiner Mutter ist einmal eine Frau an einer Bauchfellentzündung gestorben. Sie hinterließ einen Mann mit mehreren Kindern. Meine Mutter bot ihm darauf an, ihn zu heiraten, damit sich jemand um die Kinder kümmert.

E. kaufte die Katheter in Drogerien, hatte mehrere davon, manchmal musste sie sehr sparsam damit sein. Die Stricknadel wurde in den Katheter gesteckt, um ihn etwas zu versteifen und zu führen. Aber mit der Stricknadel selbst wurde die Fruchtblase nicht berührt. Zuerst hat man mit dem Entenschnabel in die Gebärmutter geschaut. Rund um den Katheter musste man sehr viel Watte hineinstopfen, damit er hält. Das Besteck wurde ausgekocht. Zum Sterilisieren des Operationsgebietes wurde Alkohol verwendet.

Wer war die Kundschaft?
Sie kamen von selbst; es wurde keinerlei Werbung gemacht. Viele in der Nachbarschaft haben davon gewusst. Mit manchen Stammkundinnen war meine Großmutter noch jahrelang befreundet.
Teilweise waren es sehr arme Frauen, die den Abbruch als Putzfrau bei E. abgearbeitet haben. Es gab eine Frau, die bei einer vorherigen Schwangerschaft zur Erreichung einer Fehlgeburt aus dem Fenster gesprungen ist; vergeblich, aber sie hat sich dabei beide Fußknöchel gebrochen. Eine andere war Lehrerin (damals durften Lehrerinnen an einigen Schulen keine Kinder haben). Sie hat mir anstatt des Honorars Nachhilfestunden gegeben.
Als ich neun oder zehn war, hatten wir ein Mädchen bei uns, das zwei oder drei Jahre älter als ich war. Sie blieb für ein paar Tage bei uns und sollte mit mir spielen. Später habe ich erfahren, dass sie vergewaltigt worden war und meine Großmutter einen Abbruch bei ihr machte.
Einmal kam eine Frau aus der Schweiz, sie stammte aus einem Gastronomiebetrieb und war unverheiratet. Die Schwangerschaft war schon sehr weit fortgeschritten; E. machte eine Einleitung mittels Katheter. Daraufhin traten Wehen ein und die Frau entband. Meine Großmutter ließ Mutter und Kind ins Spital bringen, um sie versorgen zu lassen. Großmutter zahlte das Taufkleid. Später schrieb diese Frau aus der Schweiz, wie glücklich sie mit ihrer kleinen Tochter sei.
Es gab auch Stammkundinnen, beispielsweise eine Krankenschwester, die meist 2x jährlich zum Abbruch kam. Weiters kamen Freundinnen der Mutter, einmal die Frau eines Richters, auch einmal eine Freundin von mir.
Im Jahr 1972 oder so kam ebenfalls eine Frau mit deutlich sichtbarer Schwangerschaft; meine Großmutter schickte sie aber weg.
Es kamen auch viele ‚Knaus-Ogino-Fälle’ zum Abbruch.

1962, nach dem Tod ihres 2. Mannes heiratete E. einen Geflügelhändler, der hoch verschuldet war. E. kaufte nach und nach seinen verlorenen Besitz zurück. Ich selbst zog während dieser Zeit zu meinem Vater. Mit 18 Jahren bekam ich Großmutters Wohnung, musste ihr dafür aber Ablöse zahlen. In späteren Jahren übersiedelte E. aufs Land und pflegte dort alte Leute.

Meine Großmutter hatte in ihrem Leben zehn eigene Abbrüche, die sie aber nicht selbst durchgeführt hat. Meine Mutter hatte 13. Ich selbst hatte mit 15 eine Curettage durch meine Großmutter ohne Schmerzlinderung, das war schrecklich. Wenn ich auch nur ein bisschen gezuckt habe, hat meine Großmutter gedroht, sofort aufzuhören. Erst durch das Zureden meines Großonkels hat sie weitergemacht. Auch meine Mutter hat einmal einen Abbruch bei mir gemacht.

Die Instrumente meiner Großmutter und Mutter (vor allem Hegarstifte zum Aufdehnen) liegen noch in einem Keller, zu dem ich aber keinen Zugang habe.

Meine eigenen Kinder wissen auch von den Abbrüchen meiner Mutter und Großmutter. Meine Tochter war früher sehr ablehnend und gar nicht tolerant, sieht aber jetzt als diplomierte DGKS vieles anders, nachdem sie im Zuge ihrer Ausbildung auch Frauen nach Abbrüchen betreut hat.


Interview in den Räumen des Museums am 15. Oktober 2007.