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Arnold Zweig: Junge Frau von 1914 (1931)

Ein Laken über einen schwarz wachstuchenen Diwan gebreitet; neben ihn tritt das Schicksal, Frau Nocks, in der Hand das dünne Mundstück einer Spülspritze. Sie watschelt heran, die behäbige Frau; ihre wasserblauen Augen und ihr beruhigender Zuspruch vertreiben das Gefühl nicht, man solle gespießt werden. Aber Frau Nocks sagt: 'Alles hygienisch, Fräuleinchen, ich weiß, was man sich schuldig ist. Bei mir gehen die feinsten Damen ein und aus, Potsdam und der höchste Adel. Und bloß nicht bibbern. Hübscher als der Landwehrkanal ist es allemal.'
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Lenore befiehlt sich, den blechernen Spülkasten anzusehen, der vor ihr am Fensterriegel hängt. Dann durchfährt sie eine unerhörte Berührung. Der Schmerz zwingt ihr den Schrei ab, den sie so wild zurückzudrängen sucht. Das stößt an die geheimste Seele, an das Leben selbst - es darf nicht sein. Gleich darauf das Gefühl, sie werde aufgeschwemmt. Der Schmerz ist weg, beim Zahnarzt tut es manchmal ärger weh - aber versinkt der Diwan langsam in den Fußboden, Kopfende voran?
'Na, na' sagt Frau Nocks mit ihrer gutmütigen Stimme, 'das war alles. Das ist eben die Eröffnung, Fräulein, und besser von außen nach innen mit 'ner kleinen Spritze als nach sechs sieben Monaten mit dem dicken Kopp von unserm neuen Weltbürger.'
Lenore krallt sich ins Wachstuch. Es ist nichts, mir wird doch nicht schlecht. Das Fensterkreuz da oben steht ganz schwarz in Finsternis in grauem Dunkel. Erweichende Schwäche macht ihr das Herz schwinden. Sie erblaßt, sie vergilbt.
'Sie werden uns doch nicht wegbleiben, Fräuleinchen', hört sie Frau Nocks flüstern, 'I wo denn. Es ist ja schon alles aus und vorbei.'
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Nun umkreist der Ort des höchsten Schmerzes bei gebärenden Frauen den inneren Muttermund, dort wo die Höhle der Gebärmutter sich zum Eintritt des Mutterganges fast nadelspitz verengt. Er läßt sich freilich bis zur Weite eines Kinderköpfchens dehnen. Um nun während der Operation einen brauchbaren Schaber handhaben zu können, erweitert ihn der Arzt durch eine Stift aus quellendem Holze, der im Verlauf eines Tages diese Vorarbeit sauber und selbsttätig leistet.


Bildquelle: www.amazon.de (2008)