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Joachim Buchner und Gerhard Ritter: Tagebuch eines Frauenarztes (ca. 1973)

Vor ein paar Wochen war eine 17-jährige Oberschülerin bei mir. Ich stellte fest, dass sie im dritten Monat war. „Ich bringe mich um, Herr Doktor.“ Sie sagte diesen Satz bestimmt ein Dutzend Mal. „Mein Vater schlägt mich tot, wenn er es erfährt. Sie müssen mir helfen!“ „Aber wie kann ich Ihnen helfen, wie stellen Sie sich das denn vor?“ „Ich werde Sie auch ganz bestimmt nicht verraten, Herr Doktor. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Bitte helfen Sie mir.“ Ich machte ihr klar, dass kein Arzt bei einer gesunden Mutter eine Schwangerschaftsunterbrechung vornehmen darf. „Aber das wissen Sie sicher selbst, Fräulein Ingeborg.“ Ich glaube sie hörte nichts von dem, was ich ihr zu erzählen versuchte. Sie war wie von Sinnen. Ihr Gesicht glühte. „Ich gebe Ihnen alles, was ich gespart habe. Das sind über tausend Mark. Ich kann auch bestimmt noch mehr Geld auftreiben. Sie müssen es tun...“ Ihr Schluchzen war herzzerreißend. Vierzehn Tage später erfuhr ich, dass sie sich das Leben genommen hatte.

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