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„Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses ist eine wahrhaft revolutionäre Massnahme“ (Adolf Hitler, 1934)

1200 Frauen und Männer wurden allein in Wien während der NS-Zeit zwangssterilisiert; 6000 waren es in der ganzen sog. Ostmark und mindestens 400.000 in allen Teilen des Dritten Reiches. Die Zwangseingriffe legimierten sich durch das NS-Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses aus dem Jahr 1933.

Das Gesetz regelte sowohl die Zwangssterilisation als auch den Schwangerschaftsabbruch von Frauen, die als erbkrank galten – bis zum Ende des 6. Schwangerschaftsmonats!
Um die Unfruchtbarkeit zuverlässig herzustellen, wurden meist beide Eileiter teilweise entfernt oder gequetscht und abgebunden. Doch erlaubte das Gesetz auch eine wiederholte Bestrahlung mit Röntgen- oder Radiumstrahlen, wodurch sowohl die Funktion der Eierstöcke als auch der Gebärmutterschleimhaut zerstört werden sollte – beides vergleichbar mit einer Kastration der betroffenen Frauen. Die Methode befand sich noch im Versuchsstadium und addierte zum Unrecht und Zwang der Sterilisation noch extreme körperliche und psychische Beschädigungen.

Die Geschichte des Nationalsozialismus schien bereits in weiten Teilen aufgearbeitet, sodass wir uns heute auf aktuelle Aufgaben wie Provenienzforschung, Restitution oder auch die Diskussion über Mahnmale konzentrieren können. Doch tatsächlich gibt es noch einige Themen, die bisher eher
gemieden wurden und es ist müßig, über die Ursachen dieser Vermeidung zu spekulieren. Fakt ist, dass die Beschäftigung mit Zwangssterilisationen keine hohe Attraktivität hatte, sodass hier tatsächlich ein Tabu perpetuiert wurde.

Claudia Andrea Spring hat sich mit diesem Thema beschäftigt, was an sich schon lobenswert ist. Sie hat es noch dazu so gründlich und ohne jede Abkürzung gemacht, dass mit ihrem Buch das Thema aus dem Schatten des Unbekannten geholt wurde. Spring hat jedes in Frage kommende Archiv gesichtet, jeden Akt ausgewertet, ist großen und kleinen Hinweisen und Informationsbruchstücken nachgelaufen und konnte so die Umsetzung des Gesetzes in Wien detailliert dokumentieren. Sie erklärt die Verfahren und nennt die Institutionen und Akteure.

Die Rassenmedizin der NS-Zeit hat eine Vor- und eine Nachgeschichte. Die Vorgeschichte, nämlich eugenische Bestrebungen seit dem 19. Jahrhundert, kommen ein bisschen kurz, sind aber erklärtermaßen nicht Focus des vorliegenden Buches. Die Nachgeschichte der NS-Massnahmen dauert bis heute an und es ist ein großes Verdienst der Autorin, die späteren Schicksale der Richter und Ärzte ebenso wie den hilflosen Kampf der zwangssterilisierten Frauen und Männer um eine Anerkennung als Opfer und damit einhergehende Entschädigungszahlungen ausführlich darzustellen. Dank ihrer Kompetenzen sowohl als Historikerin als auch als Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin, kann die Autorin das Thema so darstellen, dass der aktuelle Handlungsbedarf verständlich wird.


Claudia Andrea Spring: Zwischen Krieg und Euthanasie – Zwangssterilisationen in Wien 1940 - 1945
Böhlau 2009, ISBN 978-3-205-78321-3 2009-04-16


http://www.claudia-spring.at