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Das Wiener Gebär- und Findelhaus

Der Umgang mit ungewollten Kindern im 19. Jahrhundert

Das Wiener Gebär- und Findelhaus in der Alserstraße gegenüber dem Allgemeinen Krankenhaus entstand 1784 in Folge der Josephinischen Reformen des Gesundheitswesens und einer Reihe von Kindsmordfällen des späten 18. Jahrhunderts und wurde 1910 aufgelöst.
730.130 Kinder wurden aufgenommen; zwischen der Revolution von 1848 und 1868 deponierte man rund 30% aller in Wien geborenen Kinder im Findelhaus.

Bis 1813 starben 97% aller im Wiener Findelhaus aufgenommenen Kinder; 1799 erreichte die Hälfte das Ende des ersten Monats nicht. Zwischen 1784 und 1910 erlebten 68% aller vom Wiener Findelhaus aufgenommenen Kinder das Ende der Verpflegungszeit nicht. Hauptursachen der Kindersterblichkeit waren vor allem Infektionskrankheiten sowie Erkrankungen des Magen- und Darmtraktes.

Für die rund 20.000 Findelkinder pro Jahr im 19. Jahrhundert mussten verehelichte oder verwitwete Pflegefrauen (Kostfrauen) aus allen Teilen der Monarchie (bis Schlesien) gefunden werden, die neben dem römisch-katholischen Glaubensbekenntnis als Voraussetzung Wohlstands- wie auch Sittlichkeitszeugnisse erbringen mussten. Für viele verarmte Familien in der Steiermark, Niederösterreich, Böhmen, Mähren und Ungarn boten die Wiener Findelkinder ein zusätzliches, meist dringend benötigtes Einkommen. Das Überleben der Findelkinder hing direkt proportional von der Höhe des ausbezahlten Pflegegeldes ab. Ein Arzt notierte 1825: „Ich kenne ein Weib, welches in einem Jahr zum 13. Male einen lebenden Findling gegen einen unter ihren Händen gestorbenen erhielt.“

Die von den Kontrolleuren immer wieder festgestellte große Armut der meist im Bereich der Landwirtschaft tätigen Kostfrauen machte das Kostgeld, das je nach Kaufkraftniveau in den verschiedenen Teilen der Monarchie mehr oder weniger wert war, zur höchst erwünschten Einnahmequelle. Das ‚Zahlbuch’, das zur Behebung des Kostgeldes berechtigte, wurde von den im Kampf um Findelkinder in Konkurrenz zueinander stehenden Kleinhäuslerinnen häufig an Kaufleute oder Geldboten verpfändet.

 

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