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Dolly Hüther: Dolly ess dei Supp (2003)

Sie selbst hat nie die Möglichkeit gehabt, eine Schwangerschaft zu planen oder zu wünschen. Jedesmal war sie plötzlich ungewollt schwanger gewesen.

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Sie war fünf mal schwanger - ungewollt. Zwei Kinder leben, zwei Fehlgeburten hatte sie gehabt, einen Schwangerschaftsabbruch. Der sie heute noch belastet. Nicht der Abbruch als solcher, wie viele Personen, darunter auch Ärztinnen und Ärzte, ihr einreden wollten. Oh nein, es waren die Umstände: Das WIE!

Sie sagt sich auch heute - immer wieder:

Das darf Frauen nicht passieren. Ihr Schwangerschaftsabbruch geschah im Jahre 1963. Einen solchen Eingriff vornehmen zu lassen, war illegitim. Darauf stand Gefängnisstrafe, ohne Ausnahme. Das Gesetz sieht noch heute diese Strafe vor; aber der Handlungsspielraum für Frauen ist doch ein anderer geworden. Es gibt Zentren für Familienplanung, außerdem Ärztinnen und Ärzte, die auf eine sehr humane Art und Weise helfen. Sie fand nach langer Suche einen Arzt, der für 500 DM ihren Wunsch nach einem Abbruch nachkommen wollte.

Als alles vorbei war, stand für sie unumstößlich fest:

So etwas darf an Frauen niemals verübt werden.

Niemand außer dem Ehemann durfte es wissen. Und 500 Mark waren zu dieser Zeit viel Geld. Sie hat es sich 50-Mark-weise von Verwandten und Bekannten zusammengepumpt. Und ebenso wieder abbezahlt.

Jeder Abbruch hat seine Geschichte. Als sie damals im zweiten Monat schwanger war, war schon ein Kind vorhanden, ein weiteres als Waise aufgenommen, keine große Wohnung vorhanden, kein Bad in der Wohnung, der Partner befand sich mitten in einer beruflichen Veränderung.

Das waren nur die Gründe ihrer Entscheidung, die offen ausgesprochen werden konnten. Dass damalige Verhütungsmittel - das Kondom, das sie benutzt hatten war geplatzt - oft versagten, war kein unbekannter Vorgang.

Aber wer redet oder wer redet schon offen über so ein tabuisiertes Thema?

Die ganze Last lag auf ihr allein. Stellen Sie sich einmal vor, nur so ganz kurz, dieser Mann wäre zu seinem Arbeitgeber gegangen und hätte um Urlaub gebeten wegen eines Schwangerschaftsabbruches seiner Frau! Damals undenkbar. Heute vielleicht gängige Praxis und ihrer Meinung nach auch richtig. Sollen die Verursacher doch dabei sein, wenn in der Familienplanung kein Kind vorgesehen ist. Die Gründe kennen nur die Paare, gehen nur die Paare an. Deshalb vertritt sie auch die Meinung, keine Gesellschaft, keine Kirche, keine Politik oder sonst irgendeine Person oder Institution hat dem Paar da hineinzureden.

Wie das im Jahr 1963 gehandhabt wurde?

Schon der Weg zur Praxis weckte ein Gefühl in ihr, als würde sie zur Schlachtbank geführt. Aber was dann geschah, hätte sie sich nicht in einem Alptraum vorstellen können.

"Eine Narkose kann ich Ihnen nicht geben, da es Frauen gibt, die damit Schwierigkeiten haben.

Oder wurden Sie schon einmal operiert?

Haben Sie schon einmal eine Narkose bekommen?", lauteten die ersten Fragen des Arztes.

"Ja, bei meiner Fehlgeburt und der Ausschabung danach. Ich habe alles gut vertragen."

Trotzdem wollte er den Eingriff ohne Narkose machen. Sie kam auf den bekannten Stuhl, wurde angeschnallt, bekam einen Knebel wie einen Korken in den Mund gesteckt und wurde ausgeschabt.

Eines wusste sie sicher:

Kein Mann auf der ganzen Welt kann sich vorstellen, was das für Schmerzen sind. Sie sind einfach von unvorstellbarem Ausmaß.

Sie wusste nicht, wie lange es gedauert hatte. Aber das Entsetzen löste sich erst als der Arzt sagte:

"So kleines, tapferes Mädchen, gehen Sie jetzt nach Hause. Sollten Blutungen eintreten, dann legen Sie sich einfach einen Eisbeutel auf den Bauch. Wenn es durch eine Unvorsichtigkeit Ihrerseits herauskommt - ich habe nichts gemacht!"

Die 500 Mark wechselten von ihr zu ihm, und sie verließ die Praxis. Nur schnell heim ins Bett. Verkriechen. Keinen Menschen sehen oder hören. Weit kam sie nicht. Mit dem letzten Geld wollte sie sich ein Taxi nehmen, denn die Wohnung war einen Kilometer entfernt, und ihr kam die Distanz - in dieser Situation - wie zehn Kilometer vor. Der Taxifahrer sah sie an und sagte:

"Können Sie sich nicht besser vorsehen? An Ihrem Bein läuft Blut herunter. So versauen Sie mir mein ganzes Auto. So nehme ich Sie nicht mit!"

Es war ungeheuerlich!

Sie war von dem Arzt noch nicht einmal richtig versorgt worden. Rasch ging sie in die nächste Toreinfahrt. Dort säuberte sie sich notdürftig und steckte alle noch verfügbaren Papiertaschentücher zwischen die Beine. Einen weiteren Versuch, ein Taxi zu bekommen, untersagte sie sich. Sie ging zu Fuß nach Hause. Es schmerzte. Auch heute noch. So etwas ist nicht nachvollziehbar. Nach einigen Tagen - wieder fähig zu denken - kam Ordnung in ihren Kopf und in ihre Gedanken. Sie war traurig, enttäuscht und entsetzt. Aber auch froh? Mit solchen Gefühlen leben zu müssen, diese Arbeit alleine leisten zu müssen. Es ging fast über ihre Kraft.

Der Ehemann war auch keine große Hilfe. Wie sollte er auch!

Heute können sich Frauen mit Frauen austauschen. Denn das Schlimmste ist, nicht reden zu können und eigentlich doch reden zu müssen. Die Gefühlsbäder, die sie mindestens noch ein Jahr hatte, überfielen sie mal heiß, mal kalt. Vor dem siebenjährigen Sohn suchte sie das zu verbergen.

Ein Jahr später war sie schon wieder schwanger. Der daraufhin konsultierte Arzt stellte kühl fest:

"Sie haben erst ein Kind. Ihr Mann hat Arbeit und Brot. Sie sind jung und gesund. Jetzt freuen Sie sich doch auf Ihr Kind."

Als ob Freude per Krankenschein verschrieben werden könnte. Gemeinsam mit dem Partner hatte sie sich durchgerungen, dieses Kind noch zu bekommen. Aber dann sollte Schluss sein. Inzwischen war die Antibabypille auf den Markt und wurde überall diskutiert. Ihr Gynäkologe versprach ihr:

"Wenn diese Geburt vorbei ist, werden Sie eine der ersten Frauen in meiner Praxis sein, der ich die Pille verschreibe."

Er hat sein Versprechen gehalten. Aber 13 Jahre sexuell pflegeleicht sein zu müssen, prägt eine Frau.

Jeden Tag Chemie in sich hineinschmeißen, bringt es das?

Denn die ersten Pillen waren im Vergleich zu den heutigen Bomben an zusätzlichen Hormonen. Viele Gedanken kommen auf, wenn sie ihr Leben aus dieser Perspektive Revue passieren lässt.

War sie nicht aus diesem Grund in den 70er Jahren in die §218 Diskussion eingestiegen?

Fest entschlossen, alles in ihrer Möglichkeit Liegende zu tun.

 

www.dollyhuether.de