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Else Kienle (1900-1970)

„Das unerwünschte Kind ist die wahre, grauenvolle, schrecklichste, mörderischste Krankheit“

 

„Der Gebärzwang bedeutet ein infames Vergehen gegen die allereinfachsten Menschenrechte, der Mutter wie des Kindes. Daß überhaupt die Mutterschaft zu einem so bitteren Problem werden konnte, das beweist doch allein schon die tiefe Krankheit der Zeit. Und mit dieser Sache geht es wie immer in der menschlichen Geschichte: Man doktert an den Symptomen herum, statt auf die Ursachen zu gehen. Alle bieten sich als helfende Ärzte an: der Staat, die Wirtschaft, die Kirche. Immer neue wunderbare Gründe, Tausende von Beweisen dafür werden angeführt, dass nun einmal und unter allen Umständen, mögen sie sein wie immer, das werdende Leben ein absoluter Wert ist, der durchaus zu schützen ist.“ (Else Kienle, Frauen - Aus dem Tagebuch einer Ärztin, 1932)

Am 28. März 1931 wurde die Stuttgarter Ärztin Else Kienle aus der Untersuchungshaft entlassen, nachdem sie sechs Wochen zuvor unter dem Verdacht des gewerblichen Schwangerschaftsabbruches verhaftet worden war. Tatsächlich hatte sie die einzige Beratungsstelle des Reichsverbandes für Geburtenregelung und Sozialhygiene geführt und außerdem in ihrer Klinik Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen; allerdings bezweifelte das Gericht die erlaubte medizinische Indikation: „Wenn keine Krankheit vorliegt, die das Leben der schwangeren Frau unmittelbar gefährdet, dann befiehlt das Gesetz die Austragung des Kindes, ohne Rücksicht auf irgendwelche äußern oder inneren Umstände, die entgegenstehen.“

Dem setzte Kienle ihre Erfahrung als Ärztin entgegen: „Die soziale Not ist einfach zugleich die medizinische. Ist Unterernährung ein soziales oder ein medizinisches Übel? Bedeutet das Zusammenwohnen mit sieben Personen in einem winzigen Raum noch ein wirtschaftliches oder schon ein medizinisches Argument gegen das Austragen der Schwangerschaft?“

Die Verhaftung von Kienle und ihrem Kollegen, dem Arzt und Schriftsteller Dr. Friedrich Wolf löste Protestkundgebungen und Demonstrationen aus. In der Untersuchungshaft trat sie in einen Hungerstreik. Nachdem beide Ärzte ohne Prozess entlassen worden waren, standen sie an der Spitze einer Volksbewegung gegen den § 218 und organisierten u.a. eine Veranstaltung im Berliner Sportpalast mit 10 000 BesucherInnen. „Weil wir glauben, dass kein noch so gemilderter, noch so veränderter Paragraph sich gegenüber der Not, der allgemeinen Zwangslage behaupten kann. – weil wir wissen, dass jeder Strafparagraph nur neues Elend bringen kann, treten wir für eine gänzlich neue Regelung mit völliger Straffreiheit ein.“

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung emigrierte Else Kienle nach New York.