Fruchtbarkeit_00_ma_zola1
  • Fruchtbarkeit_00_th_zola1


Emile Zola: Fruchtbarkeit (1899)

Noch nie hat ein Kind lebend das Haus der Couillard verlassen. Das ist ihre Spezialität. Wenn man eine Zuführerin, die Couteau zum Beispiel, der Couillard ein Kind bringen sieht, so weiß man sofort, was das zu bedeuten hat. Die Couteau hat dann sicherlich den Tod des Kindes vereinbart. Das geschieht auf eine sehr einfache Weise. Die Eltern bezahlen eine Summe von zwei- oder dreitausend Frank, wogegen das Kind bis zur ersten Kommunion behalten werden soll; selbstverständlich stirbt es dann innerhalb acht Tagen. Man braucht nur ein Fenster offen zu lassen; mein Vater hat eine Pflegerin gekannt, die im Winter, als sie gerade sechs Säuglinge hatte, die Tür angelweit öffnete, und dann einfach fortging.
...
Dies also war der Hafen der Schiffbrüchigen, der düstere Schlund in den man die verwünschte Frucht unseliger Frauen warf. Während seines langen Wartens sah er drei herein kommen. Die eine war offenbar eine arme Arbeiterin, aber hübsch und zart; ihr wirrer Blick erinnerte ihn an eine Notiz, die er in den ´Vermischten Nachrichten´ der Zeitungen gelesen hatte, von einem Mädchen wie diese, die sich ihres Kindes entledigt hatte und dann ins Wasser gesprungen war;
...
Und während sie ihren Malaga schlürfend, so bieder sprachen, erhob sich das rote Gespenst des entsetzlichen Rougemont mit seinem von Pariser Kindern bedeckten Friedhofe, das schmutzige und bluttriefende Dorf, die tückische Mördergrube, deren Kirchturm friedlich gegen den Horizont der weiten Ebene aufragte.
...
Und angesichts dieses armen Wesens erhob sich das schreckliche Rougement, mit seinem täglichen Gemetzel von Unschuldigen, vor seinem Geiste, wie es ihm damals beschrieben worden war. Er sah die Loiseau, von so widerwärtiger Unsauberkeit, dass die Kinder auf einem Misthaufen verkamen; die Vimeux, die nie einen Tropfen Milch kaufte, sondern im Dorfe Speisereste zusammensuchte und für ihr Pfleglinge Kleiengrütze kochte wie man sie für die Schweine macht; die Gavette, die immer auf dem Felde war und die Kinder einem alten gelähmten Mann überließ, der manchmal eins ins Feuer fallen ließ, die Cauchois, die sich damit begnügte, sie in den Wiegen festzubinden, da sie niemanden hatte, um sie zu bewachen, und sie den Hühnern überließ, die ihnen die Augen pickten, und den Fliegen, die ungestört auf ihnen herumkrochen. Und der Tod räumte unter ihnen auf, sie wurden in Scharen hingemordet, man ließ die Türe zu einer Reihe von Wiegen offen, um rascher für die neuen Sendungen aus Paris Platz zu machen.


Bildquelle: www.abebooks.de (2008)