
Menschenrecht auf Selbstbestimmung
Der weltanschauliche Hintergrund der KämpferInnen für Geburtenregelung und Familienplanung könnte unterschiedlicher nicht sein: Wir finden soziale Motive, wirtschaftliche Überlegungen, medizinische Fürsorge, Frauenrechte, Menschenrechte... Für jedes dieser Motive lassen sich mehrere Namensbeispiele anführen. Politische Beweggründe, speziell Anarchie, waren/sind häufig mit der Forderung auf Freigabe von Verhütung und Abbruch verbunden, weil sie ein Recht des Staates auf Bestimmung über diese individuellen Bedürfnisse verneinen.
Emma Goldman (27. Juni 1869 – 14. Mai 1940) war eine dieser Anarchistinnen und wandte sich ganz allgemein gegen jegliche Ausübung von Macht und Unterdrückung, etwa in Privatbesitz, Sklaverei, Lohnausbeutung, Religion, Ehe, Staat und Militär. Durch ihre Teilnahme an einer Pariser Konferenz, auf der Kondome und andere Verhütungsmittel diskutiert wurden, waren ihr die Möglichkeiten der Geburtskontrolle vertraut. Sie sah darin ein Instrument, das menschliche Elend zu lindern, das durch die Last der großen Familien entstand. Frauen aller Klassen sollte sexuelle Freiheit offen stehen, sie sollten ein Verweigerungsrecht gegenüber (weiteren) Kindern haben und sich offen zu ihren Wünschen äußern können, auch wenn sie den herrschenden Vorstellungen widersprachen.
Goldman wurde in Litauen geboren und wuchs sowohl im Russischen Reich als auch im preußischen Königsberg auf. Zuerst arbeitete sie als Korsettmacherin in einer Fabrik, in der sie mit den Ideen und Arbeiten revolutionärer Anarchisten in Kontakt kam. Als Siebzehnjährige übersiedelte sie nach Rochester, New York, wo sie ebenfalls in einer Textilfabrik arbeitete und 1887 ihren Arbeitskollegen Jacob Kershner heiratete, um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Den konkreten Anstoß für Goldmans anarchistische Tätigkeit brachte im Jahr 1886 die Hinrichtung von vier Anarchisten nach der Haymarket Affäre - gewalttätigen Auseinandersetzungen im Zuge der Entstehung der amerikanischen Arbeiterbewegung.
