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Franz Krey: Maria und der Paragraph 218 (1931)

„Sie habe uns vor zwei Tagen in einer diskreten Angelegenheit aufgesucht. Wir können da nichts unternehmen. Frau Martin hat Sie untersucht, Sie sind schwanger.“
Die Assistentin und der Glatzkopf waren enttäuscht. Die Assistentin fasste sich sofort und tat bestürzt.
„Was soll ich denn nun anfangen? Die Firma schmeißt mich glatt auf die Straße!“
Der Kohlenhändler zuckte die Schultern. “Ich kann mir gut vorstellen, dass das für Sie unangenehm ist.“
Die Assistentin quetschte sich einige Tränen ab. „Was soll ich nur anfangen? Ich kann doch unmöglich ein Kind kriegen. Was soll ich damit?“
„Wenn Sie Geld haben, brauchen Sie es ja nicht zu bekommen. Es gibt doch Gelegenheiten genug!“
Die Assistentin schluchzte: „Aber wo? Ich weiß doch keine!“
Der Kohlenhändler beobachtete sie lauernd. „Wieviel verdienen Sie denn?“ fragte er unvermittelt.
Die Assistentin stutzte und sagte: „Hundertfünfzig Mark ohne Abzüge.“
„Dann könnten Sie hundert Mark bezahlen!“
„Das ist ja unmöglich, ich muss doch auch leben!“
„Sie brauchen ja nicht unbedingt alles auf einmal zu bezahlen. Man lässt mit sich reden. Überlegen Sie mal, was das kostet, wenn Sie ein Kind bekommen. Abgesehen davon, dass Sie ja dann Ihre Anstellung verlieren. Da sind hundert Mark gar nicht teuer!“
„Wo bekomme ich es aber dafür weggemacht?“
Der Kohlenhändler sagte: „Kommen Sie morgen früh zur Frau Martin!“
Er nahm seinen Hut, grüßte und ging.

Der Glatzkopf erwirkte noch am Abend bei der Staatsanwaltschaft Haftbefehle gegen den Kohlenhändler und die Martin.
Am Morgen war die Kriminalassistentin der erste Besuch im Salon.
Die Martin sagte: „Es ist gut, dass Sie sofort gekommen sind; je früher, desto leichter geht es weg! Ziehen Sie sich bitte aus. Ich mache inzwischen alles fertig. Es ist ganz ungefährlich. Ich mache nur Spülungen mit Seifenwasser. Beim Arzt kriegen Sie es nicht besser gemacht.“
Die Assistentin trat hinter den Wandschirm. Die Martin machte in einer ovalen Porzellanschüssel eine Seifenlauge fertig.
„Sie brauchen nicht einmal in Ihrer Arbeit auszusetzen!“ erzählte sie weiter. „Ich habe schon Hunderten geholfen. Die sind mir alle dankbar und kommen immer wieder, wenn sie etwas haben. Lieber einen Stein um den Hals und ins Wasser gehen, als in Ihrer Lage ein Kind. Sind sie fertig ausgezogen?“
„Ja.“
...
„Ich will ganz offen mit Ihnen sprechen. Wir wollen alle Menschheitsphrasen, die anderswo am Platze sein mögen, aber nicht zwischen uns, beiseite lassen. Von uns Ärzten im Armenviertel wird keiner durch seine Praxis ein Millionär. Wenn man von der Krankenkasse zugelassen ist, kann man gerade auskömmlich leben, aber durchaus noch keine großen Sprünge machen. Wird man nicht zugelassen, geht man Pleite. Unsere einzigen sicheren und größeren Einnahmen sind der Haufen Geburten in dieser Gegend und die Nachbehandlungen der Fehlgeburten. Ich kann im Durchschnitt mit drei bis vier Auskratzungen am Montag und Dienstag, mit zwei bis drei am Mittwoch und Donnerstag und etwa einer am Freitag rechnen. Die Kasse zahlt für jede Auskratzung vierzig Mark. Ohne diese Einnahmen könnte ich getrost einpacken!“
„Das ist interessant,“ sagte der Assistenzarzt. „erlauben Sie eine Frage?“
„Fragen Sie nur. Dazu habe ich Sie ja eingeladen!“
„Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass am Montag und Dienstag die Zahl der Auskratzungen erheblich höher ist als an den anderen Tagen?“
„Die Erklärung ist sehr einfach; weil dann die Arbeiterfrauen am besten Zeit haben, krank zu sein. Der Abort wird gewöhnlich am Ende der Woche vorgenommen; der Sonntag ist ein freier Tag, der Mann ist zu Hause und kann den Haushalt versehen und bis zum Hausputz am anderen Ende der Woche sind die Frauen wieder soweit hergestellt.“
„Grauenhaft,“ entfuhr es dem Assistenzarzt. „Sogar die Abtreibungen sind hier rationalisiert!“
„Eine goldene Gegend ist das hier nicht!“ sagte Dr. Axtmacher.
„Ich hoffe, Sie werden mich nun verstehen. Ihre Verhütungspropaganda ist unserer Ernährung nicht gerade zuträglich, wie Sie sich nun an den Fingern abzählen können,“ versuchte er zu scherzen.
„Und der Gesundheitsdienst am Volke, zu dem wir uns verpflichten?“ fragte der Assistenzarzt.
„Ich hätte Sie für vernünftiger gehalten; es gibt auch eine Verpflichtung gegenüber dem Stand,“ erwiderte Dr. Axtmacher verärgert. „Gott, man muss doch einmal über die Flegeljahre des Idealismus hinauskommen und Sie sind doch der Jüngste auch nicht mehr,“ setzte er eindringlich hinzu. „Werden Sie doch vernünftig!“