Kammerstille_01_ma_greising
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Franziska Greising: Kammerstille (1985)

Junge Mädchen sollten doch nicht müde, sollten stark und rosig, nett und appetitlich sein.
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Es ist wahr, sie lässt sich gehen. Seit sie Bescheid weiß. Keine Nadel, nicht die heftigsten Stöße gegen die Tischkante brachten das tastende Rinnen. Seither weiss sie, dass das Kind mit ihr leben wird.
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Die Ermattung hat ständig zugenommen, und je empfindlicher sie auf die immer satter werdenden Kleider wird, mit denen sie die ganzen Umstände zu verbergen sucht, um so schwerer wird ihr auch ihr Leib.
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Eines Tages aber lief sie mit roten Augen und einem verheulten Gesicht herum, sprach zu niemandem mehr ein Wort und ging, was auffiel, von nun an alleine, ohne ihre Freundin. Diese verschwand, und man sah sie erst wieder an jenem Tag, da sie mit dem Kinderwagen erschien.
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Die Schwester hat heimlich und bedeutungsvoll das Geheimnis verraten: jenes Luder hatte ein Kind gekriegt und den Vater nicht genannt. Schamlos hatte sie es auch noch öffentlich herumgezeigt.
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Jene ehelose Mutter damals hatte aufgegeben. Anfangs zwar blieb sie mit dem Kind zu Hause, stellte sein Bettchen in ihr Zimmer, löffelte ihm Abends nach der Arbeit den Brei ein, stiess Sonntags das Wägelchen im Dorf herum. Dann war sie plötzlich fort, man sagte, sie lebe in der Stadt, habe das Kind vergessen, es hänge nun bei den Großeltern herum, und es ließe sich bereits ahnen, wie alles enden würde.


Bildquelle: www.amazon.de (2008)