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Geburtenkontrolle in den USA: Salamitaktik

Von großem Einfallsreichtum zeugen die Einschränkungen, mit denen US-Bundesstaaten die historische Freigabe der Abtreibung von 1973 (bekannt geworden als Roe versus Wade) unterlaufen: Ein oder gar beide Elternteile müssen nachweislich informiert worden sein, ein oder gar beide Elternteile müssen dem Abbruch zustimmen, Wartezeiten zwischen der Entscheidung zum Abbruch und dem Eingriff, Beratungspflicht, fehlende Kostenübernahme, zwangsweise Ultraschalluntersuchung mit Präsentation des Ultraschallbildes etc. Gleichzeitig macht man aber auch den abbruchwilligen ÄrztInnen das Leben so schwer, dass in 87 Prozent aller US-Verwaltungsbezirke gar kein Schwangerschaftsabbruch möglich ist, sodass die Frauen zum Teil weite Reisen auf sich nehmen müssen.

Dies alles in einem Land, in dem die Ermöglichung der Geburtenkontrolle einen sozialreformerischen Erfolg darstellte. Emma Goldman, Mary Dennett und Margaret Sanger waren die drei Pionierinnen, die bereits 1914 auf die katastrophale Lage von Frauen mit geringem Einkommen aufmerksam machten, die entweder eine schier endlose Folge von Schwangerschaften und Geburten erdulden oder zu Do-it-yourself-Abtreibungen Zuflucht nehmen mussten. Informationen über Verhütungen waren ihnen praktisch nicht zugänglich, denn deren Verbreitung war per Gesetz verboten.

Erst der 1. Weltkrieg brachte einen Umschwung: Die besorgniserregende Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten unter Soldaten führte dazu, dass das Thema Verhütung aus der moralischen Ecke herauskam und zu einem wichtigen Anliegen der Volksgesundheit wurde.

Auf dieser Basis wandelte sich in den 1930er-Jahren auch die Rechtssprechung. 1937 nahm die Amerikanische Ärztegesellschaft das Thema Verhütung als Schwerpunkt in den medizinischen Ausbildungsplan auf. 1942 gründete sich die Planned Parenthood Federation of America und eröffnete landesweit eine Reihe von Familienplanungs-Kliniken.

Nach dem 2. Weltkrieg wandte sich die Diskussion den Themen Schwangerschaftsabbruch, öffentliche Finanzierung und Versicherungsleistung zu. Die Angst vor hemmungslosem Bevölkerungswachstum mit den möglichen Auswirkungen Nahrungsmittelknappheit, Umweltverschmutzung und einer generellen Verschlechterung der Lebensqualität brachte in den 1960ern dem Thema Geburtenkontrolle weltweit neuen Aufschwung. In den USA erzwang in den 1960ern und 1970ern eine Reihe von Gerichtsentscheidungen, dass allen Amerikanern das Recht zustand, über ihre Fruchtbarkeit selbst zu entscheiden – und nicht nur verheirateten Paaren. 1970 wurde Verhütung endlich auch aus den staatlichen Gesetzen gestrichen, die die ‚guten Sitten’ regeln. 1973 folgte schließlich die anfangs erwähnte Höchst-Gerichts-Entscheidung ‚Roe versus Wade’. Die Euphorie über die errungene Befreiung vom ‚Mutterschaftszwang’ und über die Vielzahl der Möglichkeiten zur Familienplanung hielt nicht lange an: Die Abwärtsspirale ist unübersehbar.

 

Zum Weiterlesen:
https://en.wikipedia.org/wiki/Birth_control_movement_in_the_United_State
https://en.wikipedia.org/wiki/Abortion_in_the_United_States_by_state