Rosebernd_00_ma_hauptmann
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Gerhart Hauptmann: Rose Bernd (1903)

Frau Flamm verrät durch ein blitzartiges Aufleuchten ihrer Augen, daß sie die Wahrheit erkannt und das Bekenntnis verstanden hat, spricht aber ruhig weiter.
Frau Flamm: Siehste, Mädel, das hab' ich gelernt. Ich hab's gelernt, und die Welt hat's vergessen. Von viel anderen Sachen da weeß, und was jeder so weeß, das nenn' ich kee Wissen. Sie legt das Kinderhemdchen vorsichtig auf den Schoß. Nu da geh jetzt nach Hause und sei gutes Muts! Ich will mit jetzt alles erscht fer mich ieberlegen. 's is gutt! Weiter frag' ich dich jetze nich. Du bist jetze ni mehr die und das... Und da heeßt das getoppelt behutsam sein. Ich will nischt wissen! Verlaß dich uff mich! Mir sein ieberhaupt de Väter ganz gleichgiltig: ob's a Landrat oder Landstreicher is. Mi miss'n de Kinder doch selber zu Welb bring'n. Daderbeine hilft uns doch keener nich.
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Kleinert: So kann ich dich jetzt ni alleene lass'n!
Rose: Weshalb denn ni, Kleinert! Mir fehlt ja nischt.
Kleinert: Das gloob' ock a andrer, daß dir nischt fehlt! Suster hätt' ich dich woll ni uffgelasa.
Rose: Nee - ich bin doch bloß a wing schwindlig geword'n. - Wirklich! - 's geht jetzt! - Ich brauch' Euch ni weiter.
Kleinert: Nee, nee, Madel, nee, das gieht ni asu.
Rose: Ja, ja, Vater Kleinert! Ich dank' scheen! 's is gutt! Mir fehlt nischt! Ich biin wieder ganz eim Stande! Das kommt aso manchmal, das is weiter nischt.
Kleinert: Du lagst ja halb tot dahier hinger a Weida! Du hust dich ja wie a Wurm gekrimmt.
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Der Gendarm erscheint.
Der Gendarm: De Tochter soll doch im Hause sein! Der alte Kleinert sagte: se wär' schonn zu Hause.
August: 's is so, wir haben's nich gewußt vorhin.
Der Gendarm: Da wollt' ich's doch lieber gleich mit abmachen. - 's is was zu unterschreiben hier.
August: Rose, du sollst hier was unterschreiben.
Der Gendarm: Sein Sie die, da gibt's nischt zu lachen, Freilein. - Bitte!
Rose: Sie kenn ... noch an Augenblick ... bleiben.
August: Nu weshalb denn?
Rose: Ihr hott mei Kind derwergt.
August: Was spricht se? Was sagst du, um Himmels willen?
Der Gendarm: 's wird wegend er Streckmann-Sache sein.
Rose: Streckmann? Der hat mei Kind derwergt!
Bernd: Mädel, schweig stille, du bist ja unsinnig!
Der Gendarm: Sie haben doch ieberhaupt kein Kind - -?
Rose: Was? - Hätt' ich's sonst kenn mit a Hända derwerga? - Ich ha mein Kind mit a Hända derwergt!!
Der Gendarm: Sie sind wohl besessen? Was fehlt Ihnen denn?
Rose: Ich bin ganz klar! Ich bin ni besessen! Ich bin ganz klar bin ich uffgewacht! 's sullde ni labe! Ich wullte's ni!! 's sullde ni meinen Martern derleida! 's sullde durt bleib'n, wo's hiegeheert.
August: Rose, besinn dich! Zermartre dich ni! Du weeßt woll nich, was du sprichst dahier! Du machst uns ja alle mitnander unglicklich.
Rose: Ihr wißt ebens nischt! Ihr seht ebens nischt! Ihr habt nischt gesehn mit offnen Augen. A kann hinger de große Weide sehn ... bei a Erlen ... hinten am Pfarrfelde draußen ... am Teiche ... da kann a das Dingelchen sehn.
Bernd: So was Furchtbares hätt'st du getan?
August: Aso was Unsägliches hätt'st du verbrochen?
Der Gendarm: 's beste is, Sie komm mit ihr uffs Amt. Da kann se a freies Geständnis ablegen. Wenn das ni bloß Phantasien sind, da wird ihr das sehr zugute komm.
August: Das sein keene Phantasien, Herr Wachmeester. Das Mädel ... was muß die gelitten han!


Bildquelle: www.amazone.de