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Hans Lehfeldt (1899 - 1993)

Wegbereiter der sozialen Indikation in der Geburtenplanung

Den 1920er- und frühen 1930er-Jahren verdanken wir wesentliche Entwicklungen von Sexualrecht und Sozialpolitik, an die erst nach der jahrzehntelangen Unterbrechung von Nationalsozialismus und Wiederaufbauzeit angeknüpft werden konnte. Einer der großen Namen war Dr. Hans Lehfeldt (28. 10. 1899 bis 18. 6. 1993)

Hans Lehfeldt gilt als einer der Wegbereiter der sozialen Indikation in der Geburtenplanung. Denn als einzige bekannte und akzeptierte Methode wurde zu seiner Zeit der Coitus interruptus empfohlen - mit entsprechend vielen ungewollten Schwangerschaften. Als Leiter einer Ehe- und Sexualberatungsstelle in Berlin arbeitete er nicht nur für die Aufhebung des Abbruchverbotes sondern wollte seinen KlientInnen ‚sogar’ Verhütungsmittel an die Hand geben. Damit stieß er auf Widerstand bei seinen Arztkollegen. Bei einem Vortrag sagte er: "In der Beratungsstelle ... haben wir in ausgedehntem Maße schwangerschaftsverhütende Methoden angewandt. Neben der gesundheitlichen war für unser Vorgehen in besonders großem Umfange die soziale Indikation maßgebend. ... Wir halten es für eine Notwendigkeit, dass sich die Ärzteschaft, besonders die Gynäkologen, mit dieser so wichtigen Frage der Antikonzeption weit mehr als bisher befaßt...."

Noch deutlicher als er formuliert es im Jahr 1932 Alfred Grotjahn, Begründer und erster Ordinarius der Sozialen Hygiene in Deutschland: "Es ist höchste Zeit, dass die Beratung über die Präventivtechnik von den Ärzten zurückerobert wird und der leider jetzt noch herrschende Übelstand aufhört, dass Drogisten, Hebammen, Barbiere, Kellner und Hintertreppenhausierer darüber bestimmen, welche Präventivmaßnahmen ... angewandt werden. ... (Es) ist allerdings in erster Linie erforderlich, dass die Ärzte selbst die Präventivtechnik beherrschen... bedenkenlos darf der Arzt auch in solchen Fällen geburtenverhütende Mittel verordnen, bei denen lediglich eine wirtschaftliche, nicht aber eine medizinische oder eugenische Indikation vorliegt, um auf diese Weise zu verhüten, dass die Ratsuchenden aus trüben Quellen eine unzureichende oder gar gefährliche Belehrung schöpfen....."


Verhütung galt als nicht-ärztliches Thema


Lehfeldt war durch die amerikanische Pionierin der Familienplanung Margaret Sanger stark beeinflusst. Sie hielt in Deutschland mehrfach Vorträge über Verhütungsmittel, unter anderem 1927 im Anschluss an die Weltbevölkerungskonferenz in Genf. Sanger wollte auch Lehfeldts 'Buch der Ehe' in den USA verbreiten, scheiterte allerdings an der Zensur.

Wegen des Fehlens verlässlicher Methoden dauerte das Desinteresse der Ärzte an der Verhütung bis zur Einführung der 'Pille' in den 1960er-Jahren: Gründe für diese Missachtung waren sowohl moralische als auch finanzielle Argumente: Zum einen galt jede öffentliche Überlegung zur Familienplanung als Aufforderung zum verbotenen Schwangerschaftsabbruch, zum anderen fürchteten viele Ärzte, beim Versagen empfohlener Verhütungsmittel selbst zur Kasse gebeten zu werden.

Dazu kam, dass die nationalsozialistischen Machthaber an Verhütung gar kein Interesse hatten – ganz im Gegenteil. Als sie an die Macht kamen, wurden die Beratungsstellen geschlossen. Damit war der Zugang zu Verhütung oder Abbruch versperrt; alle ehemaligen KlientInnen waren gefährdet. Lehfeldt und Mitarbeiter versteckten daher die Karteikarten mit Krankengeschichten, damit sie nicht in falsche Hände kämen. Wie so viele seiner Kollegen war auch er als Jude und Sozialreformer in Gefahr und musste Deutschland 1935 verlassen. Gerade noch rechtzeitig: Während vorher nur die Werbung für Verhütungsmittel untersagt war, wurden Verhütungsmittel ab 1941 sogar ganz verboten.

Lehfeldt kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nach Deutschland zurück sondern blieb in den USA und wurde Mitbegründer der renommierten Society for the Scientific Study of Sex.