Knaus_01_ma_schreibtisch
  • Knaus_01_th_schreibtisch


Hermann Knaus (1892–1970)

Österreichischer Detektiv der fruchtbaren Tage

Wir verdanken Knaus drei wesentliche Erkenntnisse über:

• Die Befruchtbarkeit der weiblichen Eizelle

• Die Befruchtungsfähigkeit der männlichen Samenzelle

• Den konstanten Zeitabstand zwischen Eisprung und 
nachfolgender Menstruation.

Am schnellsten und leichtesten wurde die Beobachtung akzeptiert, dass die Eizellen der Frau nur wenige Stunden lang befruchtet werden können.

Dass die Samenzellen des Mannes nur bis zu 5 Tage befruchtungsfähig sind, wurde von der wissenschaftlichen Gemeinschaft hingegen heftig abgelehnt und erst nach zehn Jahren und Vorlage vieler neuer Beweise hingenommen.

Knaus’ dritte Erkenntnis klärte den konstanten Zeitabstand zwischen Eisprung und der nachfolgenden Menstruation auf und erlaubte eine einigermaßen exakte Berechnung der sicheren und unsicheren Tage.

 

Wer war Hermann Knaus?

Er wurde 1892 in St. Veit an der Glan (Kärnten) in eine bürgerlich wohlhabende Kaufmannsfamilie geboren. Nach dem Medizinstudium ging er 1924 nach London zu Prof. A. J. Clark, wo er in experimentelle Arbeiten an der tierischen Gebärmuttermuskulatur eingeführt wurde. Am 31. Jänner 1927 machte Knaus eine entscheidende Entdeckung: „An diesem Tag beobachtete ich um ersten Male an der Gebärmutter des schwangeren Kaninchens eine damals noch unbekannte Funktion des Gelben Körpers, nämlich seine Aufgabe, die Pituitrin-Empfindlichkeit der Gebärmuttermuskulatur auszuschalten und damit diese für eine ungestörte Entwicklung des Eies ruhigzustellen.“ Diese Reaktion tritt beim Kaninchen exakt 22 Stunden nach dem Eisprung ein.

1928 konnte Hermann Knaus an der Universitäts-Frauenklinik Berlin die kräftigen Bewegungen der menschlichen Gebärmutter unter dem Röntgenschirm beobachten, während die Muskulatur zu anderen Zeiten sehr schlaff und träge war. Von diesen Beobachtungen angeregt begann er an der Grazer Klinik, die Bewegungen der menschlichen Gebärmutter graphisch zu registrieren. Er erkannte, dass es auch beim Menschen zu einem entspannenden und erschlaffenden Einfluss des Gelbkörpers auf die Muskulatur der Gebärmutter kommt, und zwar beginnend etwa 12 Tage vor der nächsten Menstruation.

Um den Termin des Eisprungs genau zu bestimmen, bat Knaus seine Patientinnen, präzise Aufzeichnungen über ihre Menstruation zu machen. Aus diesen konnte er ableiten, dass zwischen dem Wirksamwerden des Gelben Körpers und dem Eisprung maximal 48 Stunden liegen. Daraus lassen sich 14 Tage zwischen dem Eisprung und der nächsten Menstruation errechnen. Das lässt sich deshalb mit solcher Bestimmtheit sagen, weil das Entstehen und Vergehen des Gelbkörpers, wie wir ihn heute nennen, aus dem geplatzten Eibläschen sehr regelmäßig abläuft.

Knaus stellte 1929 auf einem Gynäkologenkongress in Leipzig seine neuen Erkenntnisse über die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im Zyklus der Frau vor. 1934 veröffentlichte er seinen Menstruationskalender und warb für dessen breite Anwendung.

Bereits 1923 hatte der japanische Gynäkologe Prof. Kyusaku Ogino 
(1882 -1975) eine vorläufige Arbeit im ‚Hokuetsu Medical Journal‘ mit derselben Berechnungsmethode veröffentlicht. Doch was im 
fernen Japan publiziert wurde, fand zu dieser Zeit keine Wahrnehmung in der deutschen oder englischsprachigen Wissenschaft.

Die Knaus-Ogino-Lehre wurde nicht nur aus wissenschaftlichen Überzeugungen Jahrzehnte lang bekämpft. Mit dem Aufkommen und Wachsen des Nationalsozialismus wurde das Thema ‚Verhütung‘ schnell unerwünscht, schließlich sogar unter Strafe gestellt. Erst nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch, dass sich nach Knaus’ Lehre sowohl die fruchtbaren als auch die unfruchtbaren Tage berechnen – und nützen - lassen. Dazu ein Zitat aus dem Jahre 1942: „Die Lehre Knaus’ von der relativen Unfruchtbarkeit wird erst jetzt mit Recht für die Population ausgewertet, da man auch die Zeit der relativen Fruchtbarkeit ermitteln kann. Heute ist die Verbreitung seiner Lehre zweifellos richtig, da viele Ehen der Kenntnis seiner Lehre ihre Kinder verdanken.’

Hermann Knaus erhielt in Österreich nicht die Anerkennung, die ihm gebührte, international wurde er aber sehr geachtet, zu Vorträgen eingeladen und ausgezeichnet. Seine größte Auszeichnung war für den gläubigen Katholiken die Anerkennung seiner Lehre durch Papst Pius XII. als einzige von der Kirche tolerierte Methode zur Empfängnisverhütung.

Die Berechnung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage nach Knaus-
Ogino (‚Tagezählen‘) war sehr weit verbreitet und für die Paare 
damals eine unglaubliche Hilfe. Mit Einführung der Pille und 
anderer sicherer Verhütungsmethoden trat sie in den Hintergrund. Sie wird aber noch heute durch Zykluscomputer sowohl zur 
Verhütung als auch für Paare mit Kinderwunsch (‚Babycomputer‘ und ‚Ladycomputer‘) genützt.

Im Volksmund hat die Knaus-Ogino-Lehre den Spitznamen ‚Katholiken-Roulette‘ oder ‚Römisches Roulette‘ bekommen, weil ihre 
sichere Anwendung zwei Voraussetzungen hat: Zum einen muss der Zyklus der betreffenden Frau sehr regelmäßig sein und darf sich auch durch Stress, Reisen und andere Einflussfaktoren nicht verändern. Zum anderen müsste sich menschliche Sexualität derart steuern lassen, dass sie nur an den relativ wenigen sicheren Tagen stattfindet.

Knaus beschäftigte sich auch mit der Pille – sprach sich aber vehement dagegen aus, sowohl aus medizinischen als auch aus moralisierenden Gründen. Sein ehemaliger Schüler Heinz Braitenberg-Zenoberg schrieb: „In den letzten Jahren, wo die ‚Pille‘ immer mehr von den Gynäkologen verodnet, aber auch in vielen seriösen und noch mehr unseriösen Zeitungen und Zeitschriften besprochen und angepriesen wurde, war Knaus einer der ersten, der gegen die Pille Stellung nahm. Knaus ... wurde vom jetzigen Papst zu einer Expertise aufgefordert und es ist kein Zweifel, dass er maßgeblich an der Ablehnung der Pille beteiligt war.“

Hermann Knaus ist in St. Veit an der Glan begraben. An seinem Sterbebett wurden ihm vom vatikanischen Nuntius in Österreich noch Segenswünsche des Papstes überbracht.

 

Zum Weiterlesen:
http://de.360viral.com/e/6521414669545350/Die-Prager-Jahre-eines-Ausnahmearztes

http://nunu.at/article/ist-der-ruf-einmal-ruiniert/