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Hermine Heusler-Edenhuizen (1872-1955)

„Zu bestrafen ist der Mann“

Am 26. November 1955 starb die Berliner Frauenärztin Dr. Hermine Heusler-Edenhuizen (geb. 1872), eine Wegbereiterin der modernen Geburtenkontrolle. Ihre Forderungen sind leider auch heute noch höchst aktuell: Die kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln durch Krankenkassen und Fürsorgeverbände sowie eine Preisregelung für den Schwangerschaftsabbruch bzw. an Unbemittelte auf Kosten der Versicherungsträger.

Heusler-Edenhuizen legte als eine der ersten Frauen Deutschlands das Abitur (Matura) ab und promovierte als erste Frau an der Universität Bonn im Fach Medizin: Noch im Jahr 1898 wurde auf einer Ärztetagung eine Resolution gegen die Zulassung von Frauen zum ärztlichen Studium verfasst. Trotz aller Hindernisse absolvierte Hermine ihre Facharztausbildung und ließ sich 1906 als erste Ärztin für Frauenkrankheiten und Geburtshilfe in Deutschland mit einer Praxis nieder. Sie war verheiratet und hatte zwei Kinder.

Abbruchverbot: „Die Zahl der geretteten Keime ist imaginär“

Die breite gesellschaftspolitische Diskussion der 1920er Jahre über das Abtreibungsverbot (§ 218 StGB) entzündete sich durch die dramatischen wirtschaftlichen Verhältnisse und die unfassbare Wohnungsnot. H.-E. sagte über den angeblichen Schutz durch diesen Paragraphen: „Die Zahl der Frauen, die er ins Unglück stürzt, ist unbegrenzt, die Zahl der geretteten Keime (Anmerkung: gemeint sind Embryonen) ist imaginär; und ebenso imaginär ist die erzieherische Wirkung, die der Paragraph ausüben soll.... Ein Volk in Not lässt sich nicht durch einen Strafparagraphen dazu erziehen, die Not noch weiter zu steigern, sondern es hilft sich verzweifelt, so gut und schlecht es kann.“

Hermine Heuser-Edenhuizen ging es um das Lebensrecht von Frauen und Kindern. Insbesondere prangerte sie an, dass der § 218 nur die Mütter bestrafte, eventuell auch die Ärzte, aber nicht die Väter, die ihre Frauen zum Abbruch zwangen. Gemeinsam mit anderen Ärztinnen brachte sie eine Petition im Reichstag ein, den Paragraphen 218 zu streichen und stattdessen ein besonderes Gesetz zu verabschieden, das unter der Mitarbeit von Frauen entwickelt werden und die folgenden fünf Punkte enthalten soll:

• Aufklärung der breiten Massen über alle Fragen des Sexuallebens und die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung.

• Bekanntgabe und Verkauf von staatlich geprüften und als unschädlich befundenen antikonzeptionellen Mitteln im freien Handel. (Anmerkung: Der Verkauf von Verhütungsmitteln war damals noch verboten!)

• Kostenlose Abgabe solcher Mittel durch Krankenkassen und Fürsorgeverbände an Versicherte und Unbemittelte.

• Zulassung der Schwangerschaftsunterbrechung nur mit Zustimmmung der Schwangeren und nur durch einen approbierten Arzt zu einer festzusetzenden Höchstgebühr, beziehungsweise für Versicherte und Unbemittelte auf Kosten der Versicherungsträger.

• Umfassende Fürsorgemassnahmen für Mutter und Kind


Die Nazi-Zeit machte alles zunichte
Doch durch die nationalsozialistische Machtergreifung Anfang der 1930er-Jahre wurden diese gesellschaftspolitischen Fortschritte zunichte gemacht und sogar ins Gegenteil verkehrt, denn ab 1933 wurde Abtreibung als Instrument der nationalsozialistischen Rassen- und Bevölkerungspolitik mißbraucht. So dauerte es bis in die 1960er- und 1970er-Jahre, bis die breite öffentliche Diskussion wieder aufgenommen und Freigabe des Abbruchs schließlich 1975 als Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihren Körper durchgesetzt werden konnte.

Außer ihrem Kampf für die Abschaffung des Abtreibungsverbotes engagierte sich Hermine Heuser-Edenhuizen auch für die schmerzfreie Geburt sowie für die Bekämpfung des oft tödlichen Kindbettfiebers. 1935 wurde sie als prominente Gutachterin in einem politisch geführten Prozeß gegen eine Kollegin wegen des Verbrechens der gewerbsmäßigen Abtreibung mit Todesfolge vorgeladen, konnte aber die vorgefertigten ‚Beweise’ der Anklage aushebeln.

Neben ihrer ärztlichen und berufspolitischen Tätigkeit unterstützte H.-E. auch die breite Aufklärung über Sexualität: In Vorträgen und Publikationen informierte sie über Geschlechtsunterschiede der erwachenden Sexualität bei Jugendlichen, über sexuelle Hygiene und über das unterschiedliche sexuelle Erleben von Mann und Frau und die darin begründeten Konfliktmöglichkeiten.

Hermine Heusler-Edenhuizen wurde vor fünf Jahren eine Gedenktafel an ihrem Wohnhaus gewidmet. Eine Reihe von Biographien befasst sich mit ihrem Leben und ihren Leistungen.