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Ihr Arzt hat Ihnen zum Abbruch geraten? Pech für Sie!

Zur unfreiwilligen Symbolfigur für den Kampf um einen Schwangerschaftsabbruch wurde die heute 80jährige Sherri Finkbine in den USA: Während ihrer fünften Schwangerschaft im Jahr 1962 litt sie an hartnäckiger Morgenübelkeit und Kopfschmerzen. Ihr Mann war soeben von einer Europareise zurückgekommen und hatte im Gepäck Thalidomid-Tabletten, die in den USA unbekannt waren. Sherry nahm zu Anfang ihrer Schwangerschaft 36 dieser Tabletten, die sehr wirksam waren. Erst einige Wochen später erfuhren die beiden, dass der Wirkstoff Contergan in der Frühschwangerschaft zu schweren Schädigungen des Fetus führen kann. Der Arzt riet zu einem sofortigen Abbruch der Schwangerschaft; ein Spitalstermin wurde vereinbart, obwohl Sherri sich das Baby sehr gewünscht hatte.

Um andere Frauen vor den Gefahren des Contergan zu warnen, ließ sich Sherri von der Tageszeitung Arizona Republic interviewen. Trotz der Zusicherung, ihre Anonymität zu wahren, wurde ihr voller Name genannt; sie war eine bekannte Fernsehjournalistin. Nach dem Zeitungsinterview brach die Hölle los: Die Klinik sagte den vereinbarten Termin für den Abbruch ab, der TV-Sender warf sie hinaus, und sie und ihr Mann erhielten Todesdrohungen, sodass sie vom FBI geschützt werden mussten. Als ihr Arzt die Klinik zur Einhaltung der Zusage klagen wollte, erklärte sich das Gericht für nicht zuständig.

Daraufhin beantragten Sherri und ihr Mann ein Visum für Japan, um dort einen Abbruch durchführen zu lassen, jedoch verweigerte der japanische Konsul die Einreise. Mit einigem Aufwand erhielt sie schließlich die Möglichkeit, den medizinisch empfohlenen Abbruch in Schweden durchführen zu lassen. Dabei stellte sich heraus, dass dem Fetus beide Beine und ein Arm fehlten, dass er nicht lebensfähig gewesen wäre und dass aufgrund der Schädigungen nicht einmal eine Geschlechtsbestimmung möglich war.

Sherri Finkbines Geschichte wurde von den Medien und den Lesern/Hörern aufmerksam verfolgt und  diskutiert. Sie engagierte sich weiterhin in Vorträgen und Diskussionen für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Der Name Finkbine ist vielen älteren Amerikanern noch ein Begriff, weil er zum Symbol der breiten Reformbewegung der 1960er-Jahre und beginnenden 1970er-Jahre wurde, die schließlich 1973 in das Roe-versus-Wade-Urteil mündete.

Sherri wurde 1965 noch einmal schwanger und Mutter eines gesunden Kindes. Im Jahr 1992 gab die Kontroverse die Vorlage für den TV-Film ‚A Private Matter’, in dem die Oscar-Preisträgerin Sissy Spacek die Hauptrolle spielte.