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Irrigator zur Scheidenspülung

Scheidenspüler nach Doktor Eguisier

Eines der häufigsten Verhütungsmittel im 19. Jahrhundert war der Scheidenspüler ‚Irrigateur Eguisier’. Er besteht aus einem zylindrischen Vorratsgefäß aus Metall oder Porzellan, aus dem die Spülflüssigkeit durch ein Pumpsystem mit Zahnradantrieb in einen Schlauch geleitet wird. Aufgrund seiner Mechanik ist der Irrigateur unabhängig von der Schwerkraft und der Wasserdruck lässt sich gut dosieren.

Dieses Dusch-Spülgerät wurde 1843 vom Pariser Arzt Maurice Eguisier (1813-1851) und dem Bandagisten François Libault vorgestellt und diente für Spülungen aller Körperöffnungen, beispielsweise für die Harnblase, ins Ohr, in Eiterhöhlen oder für den Darm. Schnell setzte sich seine Verwendung als ‚Scheidenspüler’ durch: Durch den Zusatz samenabtötender Substanzen sollte das Eintreten einer Schwangerschaft verhindert werden. Verglichen mit heutigen Verhütungsmitteln war die Methode nicht sehr verlässlich, wurde aber mangels anderer Möglichkeiten häufig praktiziert. Mit unseren Augen betrachtet war die Anwendung mühsam und frustrierend: Die Spülung musste unmittelbar nach dem Geschlechtsakt durchgeführt werden und war umständlich, da die meisten Wohnungen kein eigenes Badezimmer hatten; außerdem war die Spülflüssigkeit unangenehm kalt und die Zusätze reizten die empfindliche Schleimhaut von Scheide und Gebärmutter.

Der ‚Irrigateur Eguisier’ wurde von vielen Herstellern in verschiedenen Größen und Dessins hergestellt und war im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert in fast jedem Haushalt zu finden. Schön bemalte Exemplare lassen sich noch heute auf Flohmärkten oder bei Händlern finden, jedoch ist meist das Wissen über die ursprüngliche Funktion verloren gegangen.

 

Alfred Grotjahn beschreibt den Irrigateur und seine Anwendung so:

Die Scheidenspülung wird mittelst eines Irrigators (Spülkanne) ausgeführt; er besteht aus einem Gefäß aus Glas oder Metall von einem Liter Inhalt, ist zum Aufhängen eingerichtet und am Boden mit einer Öffnung versehen, von der aus ein 1 ½ Meter langer Gummischlauch zu einem knieförmig gebogenen Ansatzstück aus Glas (Mutterrohr) führt.

Zur Vornahme der Spülung legt sich die Frau in der Weise in Rückenlage quer über das Bett, dass der Rumpf mit dem Bettrand abschneidet und die Beine in Spirallage mit angezogenen Knien je auf einem Stuhle zu ruhen kommen. In tiefer Lage führt die Frau das Mutterrohr in die Scheide ein und lässt nach Öffnung des Verschlusses die Spülflüssigkeit aus dem seitlich aufgehängten Irrigator auslaufen. Die wasserdichte Unterlage, die über den Bettrand in einen Eimer führt, leitet die abfließende Spülflüssigkeit ab. Diese muss körperwarm sein.


Bilderklärung: ein Irrigator; eine Frau nimmt eine Scheidenspülung vor


A. Grotjahn: Das Gesundheitsbuch der Frau, 1927