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Johann Wolfgang Goethe: Faust (1808)

Der Tragödie erster Teil

Kerker


Faust: Mich faßt ein längst entwohnter Schauer,
Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an.
Hier wohnt sie hinter dieser feuchten Mauer,
Und ihr Verbrechen war ein guter Wahn!
Du zauderst, zu ihr zu gehen!
Du fürchtest, sie wiederzusehen!
Fort! dein Zagen zögert den Tod heran.

Meine Mutter, die Hur,
Die mich umgebracht hat!
Mein Vater, der Schelm,
Der mich gessen hat!
Mein Schwesterlein klein
Hub auf die Bein,
An einem kühlen Ort;
Da ward ich ein schönes Waldvögelein;
Fliege fort, fliege fort!

Sie ahnet nicht, daß der Gelibete lauscht,
Die Ketten klirren hört, das Stroh, das rauscht.

Margarete: Weh! Weh! Sie kommen. Bittrer Tod!
Faust: Still! Still! ich komme, dich zu befreien.
Margarete: Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.
Faust: Du wirst die Wächter aus dem Schlafe schreien!

Margarete: Wer hat dir, Henker diese Macht
Über mich gegeben!
Du holst mich schon um Mitternacht.
Erbarme dich und laß mich leben!
Ist's morgen früh nicht zeitig genung?
Bin ich doch noch so jung, so jung!
Und soll schon sterben!
Schön war ich auch, und das war mein Verderben.
Nah war der Freund, nun ist er weit;
Zerrissen liegt der Kranz, die Blumen zerstreut.
Fasse mich nicht so gewaltsam an!
Schone mich ! Was hab ich dir getan?
Laß mich nicht vergebens flehen,
Hab ich dich doch mein Tage nicht gesehen!

Faust: Werd ich den Jammer überstehen!
Margarete: Ich bin nun ganz in deiner Macht.
Laß mich nur erst das Kind noch tränken.
Ich herzt es diese ganze Nacht;
Sie nahmen mir's, um mich zu kränken,
Und sagen nun, ich hätt es umgebracht.
Und niemals werd ich wieder froh.
Sie singen Lieder auf mich! Es ist bös von den Leuten!
Ein altes Märchen endigt so,
Wer heißt sie's deuten?

.....

Margarete: Du machst die Fesseln los,
Nimmst wieder mich in deinen Schoß.
Wie kommt es, daß du dich vor mir nicht scheust?-
Und weißt du denn, mein Freund, wen du befreist?
Faust: Komm! komm! schon weicht die tiefe Nacht.

Margarete: Meine Mutter hab ich umgebracht,
Mein Kind hab ich ertränkt.
War es nicht dir und mir geschenkt?
Dir auch. - Du bist's! ich glaub es kaum
Gib deine Hand! Es ist kein Traum!
Deine liebe Hand! - Ach, aber sie ist feucht!
Wische sie ab! Wie mich deucht,
Ist Blut daran.
Ach Gott! was hast du getan!
Stecke den Degen ein,
Ich bitte dich drum!

Faust: Laß das Vergangne vergangen sein,
Du bringst mich um.
Margarete: Nein, du mußt übrig bleiben!
ich will dir die Gräber beschreiben,
Für die mußt du sorgen
Gleich morgen;
Der Mutter den besten Platz geben,
Meinen Bruder sogleich darneben,
Mich ein wenig bei Seit
Nur nicht gar zu weit!
Und das Kleine mir an die rechte Brust.
Niemand wird sonst bei mir liegen!-
Mich an deine Seite zu schmiegen,
Das war ein süßes, ein holdes Glück!
Aber es will mir nicht mehr gelingen;
Mit ist's, als müßt ich mich zu dir zwingen,
Als stießest du mich von dir zurück;
Und doch bist du's und blickst so gut, so fromm.