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Margret Hilferding (1871-1942)

Man erinnert sich an die Argumentationen der Feminismusbewegung aus den 1970ern, wonach Probleme längst gelöst oder zu ‚nationalen Aufgaben’ hochstilisiert wären, wenn sie nicht ‚typisch weiblich’ sondern ‚typisch männlich’ wären: Beispielsweise die Menstruation oder der Schwangerschaftsabbruch. Aber weil sie eben doch ‚typisch weiblich’ sind, lässt die Lösung auf sich warten. So dauerte es beispielsweise in Österreich 50 Jahre von den Forderungen nach einer Fristenlösung für den Schwangerschaftsabbruch, bis er endlich durchgesetzt wurde.

Eine frühe Protagonistin dieser Bestrebung war die österreichische Lehrerin, Ärztin und Vertreterin der Individualpsychologie, Margret Hilferding, geb. Hönigsberg (1871 - 1942). Bei einer Tagung der ‚Vereinigung sozialdemokratischer Ärzte Wiens’ über Schwangerschaftsunterbrechung und Bevölkerungspolitik im Mai 1924 prallte sie und Genossinnen auf den Wiener Gesundheitsstadtrat Julius Tandler, der zwar ebenfalls den Schwangerschaftsabbruch befürwortete, allerdings aus anderen Motiven, und auf eine Indikationenlösung bestand.

Auf eine andere Forderung Hilferdings warten Frauen bis heute vergeblich: „Aus sozialmedizinischen Erwägungen verlangte sie Verhütungsmittel auf Krankenkasse und Straffreiheit der Abtreibung, die damit den ‚Gewaltmitteln durch Laien’ entzogen würde.“

Ebenfalls aktuell ist auch ihre Überlegung, dass „ein Einspruchsrecht der Gesellschaft gegenüber der Nachkommenschaft nur (dann) gerechtfertigt sein könne, wenn die Gesellschaft auch alle Kosten und Verantwortung für die Nachkommen übernähmen.“

Hilferding trieb durch ihre Arbeit die Frauenrechtsbewegung voran – aber sie hatte dieser Strömung auch selbst viel zu verdanken: Als sich für sie die Frage nach einer Ausbildung erhoben hatte, standen Frauen nur wenige Wege offen. Daher trat sie mit 18 Jahren in die k.k. Lehrerinnen-Bildungsanstalt ein, obwohl diese Ausbildung nicht ihr sehnlichster Wunsch war. Während dieser Zeit las sie August Bebels Schrift ‚Das soziale Elend und die besitzenden Klassen in Österreich’ und entwickelte eine soziale und feministische Haltung.

Eigentlich wollte Hilferding ‚Ärztin in einem Proletarierbezirk’ sein. Doch erst 1897 wurden Frauen als außerordentliche und 1898 als ordentliche Hörerinnen an österreichischen Hochschulen zugelassen, und das nur an der Philosophischen Fakultät. Eine der ersten war Margret Hilferding. Ab 1900 waren Frauen endlich auch an der Medizinischen Fakultät zugelassen und mit inzwischen schon 32 Jahren wurde Hilferding als erste Frau zum Doktor der Medizin promoviert.

Den so schwer errungenen Arztberuf übte sie nach der Geburt ihrer beiden Söhne ab 1910 aus: nach der Trennung von ihrem Mann, dem Arzt, Ökonomen und Austromarxisten Rudolf Hilferding, später Finanzminister der Weimarer Republik, war sie Kassenärztin in Wien 10 und ab 1922 zusätzlich als Schulärztin tätig. Neben ihrer ärztlichen Tätigkeit engagierte sich die allein erziehende Mutter mit wissenschaftlichen Arbeiten, Vorträgen und Kursen in der Sozial- und Bildungspolitik, speziell zu Frauenfragen, Sexualität, Geburtenregelung, Aufklärung und Erziehung. 1926 erschien ihr Buch Geburtenregelung, in dem sie für eine Liberalisierung der Abtreibung eintrat. 1942 starb sie auf dem Transport in ein Konzentrationslager.

 

Zitate aus: Eveline List – Mutterliebe und Geburtenkontrolle: Zwischen Psychoanalyse und Sozialismus. Die Geschichte der Margarethe Hilferding-Hönigsberg, 2006