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Maria Nurowska: Briefe der Liebe (1994)

Wir trafen uns ein paar Tage nach Silvester, also schon neunzehnhundertvierundfünfzig. Zwei Wochen später bemerkte ich, dass etwas nicht in Ordnung war. Noch machte ich mir selbst etwas vor, aber die Tage vergingen, und ich bekam Gewissheit. Es war eine Katastrophe. Verachtung und der Hass auf den eigenen Körper verwandelten sich in Furcht. Mein Körper konnte mich vernichte, denn ich würde mich doch nicht dafür entscheiden, das Kind zu behalten. Ich wusste nicht, wer der Vater war, alles deutete auf ihn. Er nahm ja absolut keine Rücksicht auf mich, diktierte unsere Treffen, häufig entgegen meinem Frauenkalender. Ich musste ihn finden, ich konnte nicht ein paar Monate warten, es wäre sonst zu spät. Dir konnte ich es auch nicht sagen, ich spürte, dass du dieses Kind würdest haben wollen, diesmal schon ein Kind der doppelten Lüge...

Wie viel es mich kostete, zum Mostowski-Palais zu gehen! Ich hinterließ beim Portier einen Brief für ihn, in dem ich ein Treffen bestimmte. Ich war mir nicht sicher, ob er den Brief erhalten würde und ob er bereit war zu kommen. Das Auto stand jedoch am Randstein. In der Wohnung fragte er, worum es gehe. Wir konnten in Anwesenheit des Chauffeurs nicht sprechen.
„Ich bin schwanger.“
„Von wem?“
„Wahrscheinlich von dir.“
Er lachte auf, aber das war nicht sein normales Lachen. Das spürte ich, solche Signale hatte es bisher nur wenige gegeben, und die waren undeutlich gewesen.
„Und jetzt?“ fragte er.
„Du musst mir helfen.“
Er schwieg, und dann sagte er den Satz:
„Vielleicht könntest du es ja zur Welt bringen...“
„Hör auf, Witze zu machen!“ fuhr ich in an, so weit ging meine Phantasie nun doch nicht, als dass ich mir hätte vorstellen können, er meine das ernst.

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Der Arzt, ein kleiner Mann mit Glatze, untersuchte mich, dann sagte er:
„Vielleicht bitten wir Ihren Mann dazu.“
„Das ist nicht nötig“, erwiderte ich.
„Trotzdem, wir müssen uns unterhalten.“
Er öffnete die Tür zum Vorzimmer, und ich sprang eilig auf den Fußboden und zog meinen Roch herunter.
„Im vierten Monat“, sagte der Arzt, „zu spät.“
„Wieso?“ Ich fühlte, wie ich innerlich zusammensackte. Es war ein Gefühl, als hätten sich mir Herz und Magen losgerissen.
„Aber ich hatte doch vor zwei Monaten noch meine Periode...“
„Gute Frau, es gibt die verrücktesten Sachen“, sagte er.
Und er wollte den Eingriff nicht vornehmen. Wortlos verließen wir die Wohnung, aber auf der Treppe sah ich ihn an und sagte:
„Wenn du mir das nicht aus der Welt schaffst, bringe ich mich um.“


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