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Mary McCarthy: Die Clique (1989)

...Kay hatte es kaum glauben wollen, aber Dottie hatte ganz allein eine Beratungsstelle für Geburtenkontrolle aufgesucht. Dort hatte man ihr die Adresse einer Ärztin gegeben sowie einen Stapel von Prospekten über eine Unzahl verschiedener Pessare mit allen Vorzügen und Nachteilen – Tamponeinlagen, Schwammeinlagen, Intrauterinpessare, Portiokappen, Seidenringe, Ketten et cetera. Man hatte Dottie ein neues Fabrikat empfohlen, das von der gesamten Ärzteschaft der USA befürwortet wurde. Margaret Sanger hatte es in Holland entdeckt, man importierte es jetzt zum ersten Mal in großen Mengen in die Staaten, und auch die einheimischen Hersteller durften es kopieren. Es vereinigte das Maximum an Schutz mit dem Minimum an Unannehmlichkeit und konnte, nach Anleitung eines Facharztes, von jeder halbwegs intelligenten Frau angewendet werden.

Diesen Artikel, eine auf einen Spiralrand montierte Gummikappe, gab es in verschiedenen Größen, und jetzt sollte in Dotties Scheide festgestellt werden, welche für sie die richtige und die bequemste sein, ähnlich wie man beim Augenarzt ein Brillenglas ausprobiert.
Die Ärztin würde das Pessar einsetzten und, wenn sie die richtige Größe gefunden hatte, Dottie angleichen, wie man es einlegte, wie man es mit einer Verhütungscreme einschmierte und einen Klecks davon in die Mitte tat, wie man in die Hocke ging, das Pessar mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zusammendrückte, mit der linken Hand die Schamlippen teilte und es dann so einschob, dass es auf den Gebärmutterhals aufsprang, und wie man schließlich mit dem Mittelfinger der rechten Hand nachfühlte, ob die Cervix oder der Gebarmutterhals auch wirklich ganz durch den Gummi verschlossen war.

Wäre dieser Vorgang mehrfach zur Zufriedenheit der Ärztin geprobt, würde Dottie lernen, wie und wann man eine Spülung machte, wie viel Wasser man verwenden, in welcher Höhe man den Irrigator aufhängen und wie man die Schamlippen fest um das eingefettete Mundstück drücken müsse, um die besten Resultate zu erzielen. Beim Verlassen der Praxisräume würde die Schwester ihr einen festen Umschlag aushändigen, der eine Tube Vaginalsalbe und ein flaches Kästchen mit dem Dottie angepassten Pessar enthielt. Die Schwester würde ihr dann noch die Pflege des Pessars erklären: nach jedem Gebrauch waschen, sorgfältig abtrocknen und, bevor man es in den Kasten tat, mit Talkumpuder einstäuben.
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Infolgedessen, fuhr Kay fort, schicke ein Junggeselle, der bei Verstand sei, ein Mädchen nur dann wegen eines Pessars zum Arzt, wenn ihm viel an ihr liege. Schwierigkeiten träten lediglich bei bürgerliche verheirateten Frauen oder bei Mädchen der Gesellschaft auf, die mit den Eltern oder anderen Mädchen zusammen wohnten. Es gebe freilich auch Frauen leichteren Kalibers, geschiedenen Frauen und allein stehende Sekretärinnen und Büroangestellte mit eigener Wohnung, die sich ihre Ausrüstung selbständig besorgten und ihren Irrigator an die Badezimmertür hängten, für jeden sichtbar, der bei einer Cocktailparty einmal hinaus musste. ....
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..., obwohl diese ihr entgegenhielt, dass Geburtenbeschränkung zufolge eines Gerichtsurteils, das Ärzten gestattete, Verhütungsmittel zu verschreiben, völlig legal und erlaubt sei. ...
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Dottie störte weder die Unterleibsuntersuchung noch die Anprobe des Pessars. Schlimm wurde es für sie erst, als sie lernen sollte, es sich selber einzulegen. Wiewohl sie sonst recht geschickte Hände hatte, fühlte sie sich plötzlich durch die Ärztin und die Schwester verwirrt, deren forschende Blicke sie so prüfend und unpersönlich abtasteten wie der Gummihandschuh der Ärztin. Beim Zusammendrücken des Pessars rutschte ihr das glitschige, salbenbeschmierte Ding aus der Hand, schoss quer durch den Raum und traf den Sterilisator. Dottie wäre am liebsten in die Erde versunken.

Aber für die Ärztin und die Schwester war das anscheinend nichts Neues. „Versuchen Sie es noch einmal, Dorothy“, sagte die Ärztin gelassen und holte ein neues Pessar der richtigen Größe aus der Schublade. Dann hielt sie, wir zur Ablenkung, einen kleinen Vortrag über die Geschichte des Pessars, wobei sie jedoch Dottie nicht aus den Augen ließ: Dass schon die alten Griechen einen medizinischen Stöpsel kannten, ebenso die Juden und Ägypter, wie Margaret Sanger in Holland das moderne Pessar gefunden, welche Kämpfe man vor den hiesigen Gerichten ausgefochten hatte. ....

... Wie jedermann aus den Zeitungen wusste, war die Ärztin selbst erst vor ein paar Jahren im Verlauf einer Razzia in einer Klinik für Geburtenbeschränkung verhaftet und dann freigesprochen worden. ...


Bildquelle: www.amazon.de (2008)