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Michael Crichton: Die Intrige (1968)

"...Ich konnte nicht schlafen; ich dachte die ganze Nacht daran. Ich malte mir aus, wie sie in irgendein stinkiges Hinterhaus ging, zu einem schmierigen kleinen Kerl, der sie womöglich umbringen würde. Ich dachte an meine Frau und unser einjähriges Baby und daran, wie schön das alles sein kann. Ich dachte an die verpfuschten Abtreibungen, die ich als Assistent gesehen hatte, an die Mädchen, die um drei Uhr morgens eingeliefert worden waren, blutend und schweißüberströmt. Und natürlich fiel mir auch ein, was ich selbst durchgemacht hatte, als ich noch aufs College ging. Einmal hatten Betty und ich sechs volle Wochen darauf gewartet, daß ihre Periode kam. Ich wußte nur zu gut, wie leicht so was passieren kann..."
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"Die Moral muß doch mit der Wissenschaft Schritt halten", fing er wieder an. "Wenn jemand vor der Wahl steht, moralisch zu sein und zu sterben oder unmoralisch zu sein und am Leben zu bleiben, dann wird er auf jeden Fall das Leben wählen. Die Menschen wissen, daß eine Abtreibung heutzutage keine schwere, gefährliche Operation mehr ist. Sie wissen, es ist eine einfache Sache, und sie fordern ihr persönliches Glück, das sie sich damit verschaffen können. Und wenn sie eine Abtreibung wollen, dann kriegen sie sie auch. Wenn sie reich sind, fliegen sie nach Japan oder Puerto Rico; wenn sie arm sind, gehen sie zu dem Marinesanitäter. Aber kriegen tun sie sie, so oder so."
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"Karen Randall wurde heute morgen um vier von ihrer Mutter ins Memorial-Krankenhaus gebracht. Sie blutete stark und war bei ihrer Einlieferung in einem hämorrhagischen Schockzustand. Ich weiß nicht, wie sie sie behandelt haben – jedenfalls ist sie gestorben. Die Polizei glaubt, ich habe ihr gestern abend eine Abtreibung gemacht."
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"...Wir haben hier ziemlich viel mit Abtreibungen zu tun, mit selbstgemachten und Fremdabtreibungen. Manche Mädchen haben soviel Seife in der Vagina, daß sie schäumen wie überladene Geschirrspülautomaten. Andere werden mit schweren Blutungen eingeliefert. Und alle sind hysterisch und erzählen uns die phantastischsten Lügengeschichten. Wir behandeln sie stillschweigend und schicken sie so bald wie möglich wieder weg."
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"...Wir sind uns darüber einig, dass Abtreibung eine Gegebenheit ist, mit der man sich abfinden muß; etwas ganz Alltägliches. Nach den letzten Statistiken werden in Amerika eine Million Abtreibungen im Jahr gemacht. Unsere Gesetze sind in dieser Hinsicht heuchlerisch, unklar und absurd streng. Doch vergessen Sie bitte nicht, dass die Ärzte noch viel strenger sind als das Gesetz. Die Komitees, die in den Krankenhäusern über Schwangerschaftsunterbrechungen zu entscheiden haben, sind überängstlich. Sie lehnen Abtreibungen sogar in Fällen ab, in denen gesetzlich überhaupt nichts einzuwenden wäre. Meiner Meinung nach müßte sich erst einmal die vorherrschende Einstellung der Ärzte ändern, bevor man die Abtreibungsgesetze ändern kann."
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"...Er ist nach einem siebzig Jahre alten Gesetz des Staates Massachusetts angeklagt, nach dem Abtreibung ein Verbrechen darstellt, das mit Geldbuße und Haft bis zu fünf Jahren zu ahnden ist. Bei zwischen sieben und zwanzig Jahren erkannt werden."
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Abtreibung ist eine relativ seltene Todesursache. Dieses Faktum wird von der Gegenpropaganda und von den Statistiken verschleiert. Die Statistiken wie die Gegenpropaganda sind emotional und ungenau. Die Schätzungen schwanken stark, doch man ist sich ziemlich einig, daß in Amerika jährlich eine Million ungesetzlicher Abtreibungen vorgenommen werden und daß etwa 5000 Frauen daran sterben. Die Sterblichkeitsrate beträgt als fünfhundert zu hunderttausend.
Dies ist eine sehr hohe Ziffer, vor allem im Vergleich zur Sterblichkeit bei den in Krankenhäusern vorgenommen Schwangerschaftsunterbrechungen. Sie beträgt null bis achtzehn zu hunderttausend, und somit ist eine Krankenhausabtreibung schlimmstenfalls so gefährlich wie eine Mandeloperation.

Die Zahl der ungesetzlichen Abtreibungen mit Todesfolge ist also etwa fünfundzwanzigmal höher, als sie es sein müßte. Die meisten Leute sind darüber entsetzt. Doch Art, der über diese Dinge sehr genau nachgedacht hat, ist anderer Ansicht. Er meint, einer der Gründe, weshalb Abtreibungen verboten blieben, sei ihre Ungefährlichkeit.

"Man muß sich klarmachen, welches Ausmaß das Ganze hat", sagte er einmal zu mir. "Eine Million Frauen – darunter kann man sich nicht viel vorstellen. Aber umgerechnet bedeutet das, daß alle dreißig Sekunden eine ungesetzliche Abtreibung gemacht wird, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Es handelt sich also um eine ganz alltägliche und verhältnismäßig ungefährliche Operation."

Um zu verdeutlichen, was er meinte, sprach er von der Todesschwelle. So nannte er in seiner zynischen Art die Anzahl von Menschen, die jedes Jahr infolge unnötiger, vermeidbarer Unfälle sterben müssen, damit sich überhaupt irgendwer aufregt. Die Todesschwelle liegt bei etwa dreißigtausend pro Jahr – sie entspricht der zahl von Amerikanern, die durch Autounfälle ums Leben kommen.

"Auf unseren Straßen kommen im Durchschnitt täglich achtzig Menschen um", sagt Art. "Und das betrachtet man als unabänderliche Tatsache. Was sind dagegen die vierzehn Frauen, die täglich infolge von Abtreibungen sterben?"

Seiner Schätzung nach müßte die Zahl der Abtreibungen mit Todesfolge mindestens 50000 im Jahr erreichen, um Ärzte und Juristen zum Handeln zu zwingen. Das entspräche bei der gegenwärtigen Sterblichkeitsrate zehn Millionen Abtreibungen im Jahr.


Bildquelle: www.amazon.de (2008)