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Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon (2004)

Sarah Winter, die morgens um zwei vor seiner Wohnungstür gestanden hatte, weil sie nicht wußte, was sie mit ihrer Schwangerschaft machen sollte. Er hatte Tee gekocht und zugehört, sonst nichts. "Ich bin so froh, daß ich Ihrem Rat gefolgt bin", sagte sie eine Woche später, "es wäre viel zu früh gewesen für ein Kind."
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Ohne die schräg gestellte Karte zu berühren oder auch nur anzusehen, begann sie (Anm.: Adriana) über die Patientin zu sprechen.
"Warum ist sie bloß zu dieser Pfuscherin gegangen, zu dieser Engelmacherin. Gut, sie weiß nicht, wie schrecklich es bei mir war. Aber jeder weiß doch, daß man mit so etwas bei Amadeu gut aufgehoben ist. Daß er auf das Gesetz pfeift, wenn die Not einer Frau es verlangt. Etelvina und noch ein Kind, das ist doch ganz unmöglich. Nächste Woche, sagt Amadeu, müssen wir entscheiden, ob sie im Krankenhaus nachbehandelt werden muß."
Seine Schwester, die ältere, hatte ein Kind abtreiben lassen und war dabei fast gestorben, hörte Gregorius João Eça sagen. Es wurde ihm unheimlich.
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In Gedanken verwandelte er (Anm.: Gregorius) Adriana zurück in die vierzigjährige Frau, die der alte Coutinho beschrieben hatte, als er die herrische Art, mit der sie Patienten behandelte, erwähnte. Wenn es den Schock der Abtreibung nicht gegeben hätte und sie danach ihr eigenes Leben gelebt hätte statt das Leben des Bruders: Was für ein anderer Mensch wäre sie heute!
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"...Tatsächlich brachen sie die Reise bald ab und kehrten nach Lissabon zurück. Aber das hatte nichts mit mir zu tun. Seine Schwester, die ältere, hatte ein Kind abtreiben lassen und war dabei fast gestorben. Er wollte nach dem Rechten sehen, er traute den Ärzten nicht. Ein Arzt, der den Ärzten mißtraute. So war er, so war Amadeu."


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